Mittwoch, 16. März 2011

Tagebuchnotizen 15.03.2011/16.03.2011

Immer neue Informationen, immer neue Ereignisse: jetzt ist Reaktorblock 2 in die Luft geflogen mit kurzzeitig sehr erhöhten radioaktiven Messwerten. Und Reaktorblock 4
hat gebrannt und es ist weiterhin unsicher, ob das Feuer wirklich gelöscht werden konnte.

Die Umgebung ist abgeriegelt. Nur 50 Techniker sind dort geblieben und geben ihr Leben, um das Leben vieler Millionen Menschen zu retten. Natürlich tragen sie Schutzanzüge, aber man weiß vieles nicht genau.

Unser Sohn hat über Skype lange mit uns gesprochen. Er wird in seiner Schule in Bedford Hills vieles gefragt, soll Auskunft geben. Da haben wir ihm ausführlich unsere Eindrücke geschildert.

Die lutherische Kirchengemeinde dort veranstaltet einen Filmabend mit Sponsoring-Eintritt für die Erdbebenopfer in Japan. In seiner Schule will unser Sohn auch eine Sammlung für Japan organisieren.

Heute habe ich selber Fluchttendenzen. Einfach weg, einfach, dass der Alptraum aufhört, dass Ruhe einkehrt und Frieden.

Aber ich kann es nicht spalten: friedlich nach Deutschland fahren und von einem Gästesofa aus die Vorfälle betrachten.

Mit dem Zug 350 km weiter nach Süden zu unseren Verwandten wäre eine Option. Aber noch ist es nicht soweit.

Ich bin sehr dankbar, vom Fürbittendienst Brot für die Welt zwei Fürbittengebete bekommen zu haben. Wir beten hier gemeinsam und fühlen uns mit denen verbunden, die auch mit diesen Worten beten.

Für morgen, Mittwoch  Abend haben wir einen Gottesdienst geplant.  Bisher sind wir 5 Leute, die kommen werden. Es fahren weniger Züge als sonst, aber das behindert uns nicht sehr.

Weiterhin kommen sehr freundlich Anteil nehmende Mails, die uns das gute Gefühl vermitteln, verbunden zu sein.

Eine so ganz andere Passionszeit erleben wir. Die Betrachtung des Gekreuzigten verschwimmt mit dem Bild der vielen, vielen  Opfer. Das  für mich immer wieder wichtigste Passionslied ist Gerhardts „O Haupt voll Blut und Wunden!“, das die Kreuzbetrachtung in unmittelbaren Zusammenhang zum Leiden des Menschen bringt: auch dieser hat gelitten und ich weiß mich deshalb ganz in seiner Nähe, von ihm getröstet, in ihm geborgen.

Inzwischen ist es Mittwoch Vormittag, 16.03.2011

Wir verfolgen weiterhin die Meldungen. Bisher ist alles unverändert, wenn auch unverändert sehr ernst.

Viele Menschen hier versuchen mit ihren Ängsten so umzugehen, dass sie jede Nachricht, die sie irgendwo aufschnappen, in Kettenmails weiterschicken.

Dazu sagte jemand im Fernsehen heute: Lassen Sie das. Es stiftet eher Verwirrung, weil man aufhört zu unterscheiden, welche Nachricht wichtig, welche vertraulich, welche glaubwürdig ist.

Ein ähnlicher Aktionismus kommt auch von gutwilligen Menschen, die jetzt spenden wollen, möglichst schnell. Aber es ist noch gar nicht so weit, dass Privatpersonen die Wege offen stehen, etwas Sinnvolles beizutragen.

Es gibt keine schnelle Lösung. Verständlich ist dabei für mich, dass es die Menschen entlastet, wenn sie etwas tun. Ich schreibe, um mich zu entlasten.
Man kann nicht tagelang Angst haben.

Gestern war es für mich ziemlich schwer zu ertragen, dass aus Deutschland eine Flut von Emotionen, Ängsten, warnenden Ratschlägen über uns hereinbrach. Wir sind hier mit unseren eigenen Ängsten beschäftigt und können nicht noch anderer Leute Ängste verarbeiten.

Nehmt mir diese Bemerkung bitte nicht übel, ich spüre natürlich auch in solchen Mails das tiefe Mitgefühl für uns hier in Japan.

Lassen Sie uns verbunden bleiben

Ihre

Elisabeth Hübler-Umemoto

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