Montag, 14. März 2011

14.03.2010

Warum sind die Leute hier nicht gelähmt von Schreck und Trauer?

Ich glaube, man ist inmitten dieser Naturgewalten demütiger als anderswo. Man fügt sich dem göttlichen Plan, man beugt sich vor der Gewalt der Natur.

Eine Großmutter, die aus einem zerstörten Gebiet heraus getragen werden musste, sagte beim Absetzen zu dem Helfer: Sumimasen (ich kann deine Hilfe nicht zurückgeben) osewani narimashita (Ich fühle mich schuldig, weil du etwas für mich tun musst, was du normalerweise nicht tun musst).

Die alte Hauptstadt Edo ist mehrmals abgebrannt. Als der deutsche Forscher Philipp Franz von Siebold ein solches Feuer im 19. Jh. miterlebte, schrieb er voller Verwunderung, dass schon am nächsten Tag die Bauarbeiter lachend und scherzend anrückten, um ein neues Haus zu bauen.

Wenn ich die Trümmer überall sehe, beginne ich zu verstehen, warum man hier Häuser für 30 Jahre baut, dann abreißt und ganz neu baut.
Nichts ist hier für die Ewigkeit.  Auch das Leben kann innerhalb von Sekunden vorbei sein. Dennoch konsumieren die Leute hier leidenschaftlich gerne, genießen es, in der Natur zu sein und feiern ausgelassene Feste.

Christlich gesprochen höre ich den heiligen Paulus: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
  
Eine Betroffene: “Es gibt so viele Nachbeben, dass wir gar nicht mehr reagieren, aber wir fühlen uns wie seekrank.“ Ja, manchmal reagiert der Gleichgewichtssinn, ohne dass es außen wackelt.

Wir warten jetzt den vierten Tag gespannt auf die Nachrichten von den Kernreaktoren.  Die Explosion heute Vormittag schien heftiger als die in Block 1 am Samstag. Aber man versichert uns, dass die Messwerte 62 msv nicht übersteigen. Bei einem  Flug von Japan in die USA soll man 20 msv ausgesetzt sein.
Solche Zahlen sagen irgendwie nichts, aber die Werte hören sich niedrig an.

Eben war ich einkaufen und fand in drei Läden das Regal mit den Batterien leer. Alle stellen sich offensichtlich auf die Stromsperre ein. So habe nur Feuerzeuge gekauft. Kerzen sind im Pfarrhaus immer reichlich vorhanden.
Im dritten Laden habe ich noch ein Brot ergattert. Aber Brot ist hier ohnehin Luxus, und Reis haben wir noch genug für sicher zwei Wochen.

Nach dreieinhalb Tagen mit großer Aufregung, Unsicherheit und manchmal auch Angst geht jetzt die Energiekurve etwas runter. Man kann nicht permanent wachsam sein. Ohnehin können wir aktiv nichts zur Verbesserung der Lage in den Kernkraftwerken tun.

Jetzt ist nur noch eine kleine Gruppe von Deutschen hier. Die Firmen haben viele Mitarbeitende zurückgeschickt und alle Familien mit Kindern sind weg aus Tokyo.

Es ist ruhiger, der Fernseher zeigt wieder Filme und Reklamesendungen, aber keine von diesen frivolen Lachshows, die hier so verbreitet sind. Es fühlt sich an wie durchatmen, bevor es dann an die Aufräumarbeiten geht.

Heute sind  Hilfsmannschaften aus vielen Ländern hier angekommen. Das ist für Japan etwas Neues, dass die Welt hierher kommt, um zu helfen und Not zu lindern. Und die Menschen sind sehr dankbar und froh, von der internationalen Gemeinschaft so wahrgenommen zu werden.

1995 beim großen Kobe-Beben hatte man noch den Eindruck, das Japan sich selber helfen wollte und die ausländischen Helfer eher als Belastung empfand. Das hat sich geändert.

Vielleicht müssen wir ja doch ein paar Tage im Haus bleiben, um keine Radioaktivität abzubekommen. Aber noch ist das aus meiner Sicht nicht so weit. Wir sind 250 km entfernt. Noch bleiben wir hier.

Elisabeth Hübler-Umemoto

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