Samstag, 28. Januar 2012

Keine Gleichbehandlung im Unglück

In den vier Tagen vom 17. bis zum 20. Januar fuhren Pfarrer Ohta, Hibiki Umemoto (Pfarrerssohn der Kreuzkirche) und ich wie ein Wirbelwind von Morioka über Miyako (17. Januar) nach Otsuchi und Kamaishi, inklusive Fischerbucht (18. Januar), weiter nach Ofunato und über Rikuzen-Takata und Kesennuma nach Senmaya (19. Januar) und schließlich zu einem Besuch in der Kirche Tsuchisawa (20. Januar) – gut 500 Kilometer Fahrt an den beiden Tagen in der Mitte auf glücklicherweise kaum verschneiten Straßen.

Zweck der Fahrt war es, Grüße zum neuen Jahr zu überbringen und ein Zeichen zu setzen, indem wir „öffentlichkeitswirksam“ auch in einem kalten Wintermonat aus Tokio gekommen sind. Und in Begleitung von Pfarrer Ohta ging es schwerpunktmäßig darum, den Kontakt der Kreuzkirche in Tokio zu den Kirchengemeinden in Iwate zu vertiefen.

Deshalb galt unser erster Besuch in Morioka Bischof Ohara von der Diözese Ôu, die die Präfekturen Aomori, Akita und Iwate umfasst und in der damit die vier Gemeinden aus unserem Spendenaufruf liegen. Wir konnten uns einen Überblick über die bisherigen und geplanten Aktivitäten der Diözese und den Stand der Dinge in den jeweiligen Gemeinden verschaffen und auch von unseren Tätigkeiten berichten. Die Priorität für die Diözese wird in den kommenden Monaten und Jahren der Wiederaufbau der zerstörten Kirchen und die seelsorgerische Betreuung der Gemeinden sein.

Bei den folgenden Besuchen und Gesprächen wurden wir durchweg mit echter und großer Wiedersehensfreude aufgenommen. Einen schönen Lichtblick gab es in Otsuchi. Nach dem Besuch des Osanago-Kindergartens, wo wir nur kurz bleiben konnten, weil die Kinder gerade von einer Magiertruppe aus Tokio „verzaubert” wurden, fuhren wir weiter zum Midori-Kindergarten. Diesem war zum Ende Dezember ihr Ausweichquartier im Gästehaus des Otsuchi-Gymnasiums gekündigt worden, in dem sie mehr als ein halbes Jahr auf engstem Raum die Kinder betreut hatten. Über Monate hinweg war nicht klar, wohin sie ausweichen und wie sie sich finanzieren könnten.

Nun hat der Kindergarten zehn Minuten Autofahrt ins Landesinnere ein Grundstück gefunden, auf dem in Fertigbauweise ein einstöckiges Gebäude mit 270 Quadratmeter Fläche errichtet wurde und am 24. Januar in Betrieb geht. Die Kosten für den Bau und die Ausstattung hat Unicef übernommen und beim Umzug und Aufräumen haben Freiwillige vom „Tohno Magokoro Net” geholfen, womit dem Leiter Eikoh Sasaki ein gewaltiger finanzieller Stein vom Herzen gefallen ist. Er wird zwar weiterhin jeden Tag über 200 Kilometer mit dem Kindergartenbus fahren, um seine „Kundschaft” einzusammeln und wieder zuhause abzuliefern, und er hat immer noch die Belastung durch das Altdarlehen und die Ungewissheit über den endgültigen Wiederaufbau. Im neuen Provisorium kann er zwei Jahre bleiben und hat damit spürbar wieder Luft zum Atmen. Zum ersten Mal, seit ich ihn im Juli kennengelernt habe, wirkte er entspannt und fröhlich.

Bedrückend war andererseits zu sehen, wie sich die Schere zwischen den betroffenen Ortschaften immer weiter öffnet. Ich halte das für ein Produkt aus mindestens drei Faktoren: dem Ausmaß der Zerstörungen durch den Tsunami, ab wann und wie gut die örtlichen Verwaltungen funktionieren und wieviel Unterstützung bei den ersten Räumarbeiten durch Selbstverteidigungsstreitkräfte und Freiwillige erfahren wurde.

In Miyako ist ein kleinerer Ortsteil vom Tsunami zerstört worden, weite Teile der Stadt wurden „nur” überflutet, aber nicht mit Wucht von der Welle getroffen. Die Aufräumarbeiten dort beschränken sich auf ein gründliches Putzen, um den Schlamm zu entfernen, nur wenige Häuser mussten abgerissen werden. Die Stadt macht den Eindruck, sich nun aus eigener Kraft wieder hochrappeln zu können.

Ganz anders sieht es in Otsuchi aus. Die Stadt hat die Form einer Teufelsmaske mit zwei Hörnern, die ins Landesinnere reichen; das Gesicht ist das Hafengebiet und Stadtzentrum, welches komplett vom Tsunami und dem danach ausgebrochenen Feuer durch explodierende Propangasflaschen zerstört wurde. Hier sind der meiste Schutt und die Autowracks beseitigt, übrig geblieben sind die Betonfundamente und es ist keinerlei Leben bis auf einige Räumfahrzeuge zu sehen. Der sichtbare Fortschritt der letzten Monate beschränkt sich auf das Aufstellen neuer Ampeln an den größeren Kreuzungen, die aber fast nur Durchgangsverkehr regeln. Seit Anfang Dezember hat auch ein großer Supermarkt wieder aufgemacht, so dass sich die Einkaufssituation für die Bewohner der „Hörner” sehr entspannt hat, denn bis dahin gab es nur einen Convenience Store und ein mobiles Postamt, für alles andere musste man ins benachbarte Kamaishi fahren.

Dort in Kamaishi wurde im späten Dezember der offizielle Wiederaufbauplan der Stadt beschlossen und veröffentlicht, ist aber bei den einzelnen Bewohnern scheinbar mehr oder weniger als Gerücht und ganz verschiedenen Inhalts angekommen. Jeder „weiß” ein bisschen anders, dass bis zu dieser (oder jener) Straße stadteinwärts vom Hafen ein (oder zwei) Meter der Grund angehoben werden muss, um neu zu bauen (oder wohnen) zu dürfen, und dass auch die Straßen angehoben werden (oder nicht). Aber das entscheidende Signal war offenbar nicht, wie es konkret weitergeht, sondern dass es weitergeht und die Stadt und ihr Hafenzentrum leben wird. Also kehren die Menschen zurück, bessern noch erhaltene Häuser aus und eröffnen ihre Läden und Restaurants wieder.

Die Fischerei blickt noch mit viel Ungewissheit in die Zukunft. In die Buchten wurden einige kleine, einfach und schnell herzustellende Boote angeliefert. Damit kann die eigentliche Arbeit, also die Zucht von Wakame-Seetang, Austern und Jakobsmuscheln (Hotate) zwar nicht betrieben werden, aber die Fischer konnten in Küstennähe Abalone (Awabi) fangen – weniger als in den Vorjahren, aber zu einem besseren Kilopreis, so dass ihnen finanziell für dieses Jahr etwas geholfen ist. Die Fertigung der eigentlich benötigten, größeren Boote wird mindestens zwei Jahre in Anspruch nehmen, die Genossenschaften haben die Reihenfolge der Verteilung schon festgelegt. Bis dahin machen die Fischer Boat-Sharing, allerdings mit wechselndem Enthusiasmus. Die Genossenschaft kann oder will die Öfen nicht ersetzen, in denen geerntete Wakame sofort gekocht werden muss. Diese sind bisher nicht im Zusatzhaushalt vom Staat berücksichtigt, müssten also aus eigener Tasche finanziert werden, ebenso Kühlschränke und andere Gerätschaften – die Genossenschaften hoffen, dass so etwas vielleicht doch noch im Haushalt berücksichtigt wird, verpassen damit aber die Ernte eines Jahres.

Weiter südlich liegt Ofunato, welches sich an eine lange, landeinwärts gelegen und vermeintlich geschützte Bucht schmiegt. Der Tsunami hat auf weite Strecke die Stadt verwüstet, der Wiederaufbau beginnt nur sehr langsam. So hat beispielsweise die Katholische Kirche, die selbst sicher auf einem Hügel liegt, das benachbarte Grundstück eines Gemeindemitglieds, dem das Haus weggespült wurde, angekauft und errichtet dort eine Basisstation für die Arbeit der Caritas. Später wird das Gebäude als neues Gemeindezentrum fungieren. Eines der akutesten Probleme ist, dass die öffentlichen Verkehrsmittel nicht funktionieren – die Bahnlinie ist zerstört und Busse fahren immer noch nur eingeschränkt, was gerade älteren Menschen tagtäglich große Schwierigkeiten bereitet, da sie die weiten Strecken innerhalb der Stadt und in die Umgebung zum Einkaufen nicht bewältigen können.

Am Südzipfel der Präfektur liegt Rikuzen-Takata, das komplett vom Tsunami ausradiert wurde. Nur die Hüllen vereinzelter großer Stahlbetonbauten haben den Wassermassen standgehalten, auf weiter ebener Fläche bis zu über drei Kilometer zu den Bergen steht sonst nichts mehr und das Meer hat sich nach Absenkung des Bodens bis zu einem Kilometer landeinwärts gefressen. Die ursprüngliche Stadt ist nur durch das Navigationssystem im Auto zu erahnen: die Fundamente aller Häuser sind geschliffen, der Schutt sortiert, zerkleinert und abtransportiert. Man steht auf einem frisch umgepflügten Feld, das jederzeit neu bebaut werden könnte.

Gleich nebenan in der Präfektur Miyagi liegt Kesennuma, welches ebenfalls auf weiter Fläche mit voller Wucht vom Tsunami getroffen wurde. Viele Räumfahrzeuge sind zu sehen, aber im Hafengebiet ist noch kaum etwas geschehen, sie sind gefühlt so weit wie Kamaishi im Spätsommer war. An vielen Stellen ist noch Holzschutt zu sehen, der eigentlich leichter als Beton abzutragen wäre, und auf vielen Grundstücken stehen noch landeinwärts gespülte Boote, darunter auch ein großes Frachtschiff. Der Nordteil der Stadt blieb vom Tsunami verschont und funktioniert normal, macht aber einen sehr überalterten Eindruck.

Und landeinwärts hinter den schützenden Bergen ziehen sich die Ausbesserungsarbeiten an den Straßen hin. Viele, oftmals kleine Stellen müssen repariert werden, aber die Bauunternehmen bewerben sich nur zögerlich auf die Projekte, da sie zu sehr Stückwerk sind um lukrativ zu sein. Über das Ausmaß der Bebenschäden an Gebäuden wird wenig berichtet, da kämpft jeder seinen eigenen Kampf, unter anderem die Kirche in Senmaya, die nur noch auf eigene Gefahr betreten werden kann und daher ihre Gottesdienste in einem Ausweichquartier abhält. Sie hat ein Grundstück außerhalb der Stadt gekauft und bemüht sich nun um die Finanzierung des Neubaus.

Ich ziehe aus den Eindrücken dieser Fahrt das Fazit, dass wir in unserer Arbeit nicht darauf aus sein können, die jeweiligen Ortschaften, Kirchen, Einrichtungen und Kontaktpersonen in anscheinender Fairness gleichmäßig zu berücksichtigen, sondern auch weiterhin je nach Ausmaß der Zerstörungen, Fortgang des Wiederaufbaus und der anderweitig erfahrenen Unterstützung durch Behörden und andere Helfer individuell zuschneidern sollten.

Dieser Ansatz wird übrigens vor Ort unterstützt, wie aus vielen Gesprächen klar wird. So appelliert beispielsweise die Leiterin des Osanago-Kindergartens in Otsuchi unermüdlich, den weitaus schlimmer betroffenen Midori-Kindergarten im gleichen Ort nach Kräften zu unterstützen, obwohl sie geschäftlich in direkter Konkurrenz stehen. Und Bischof Ohara sagt ausdrücklich, dass wir hoffentlich die Bedürfnisse aller vier Gemeinden mit gleicher Sorgfalt bedenken würden, eben diese Bedürfnisse aber zu divers seien, um die gleichen Hilfen anzubieten.

Und eine Illusion, der wir uns auf gar keinen Fall hingeben dürfen, ist, dass Einrichtungen wie der Midori-Kindergarten das Schlimmste überstanden hätten. Zwar haben sie viel Hilfe erfahren und nun eine bessere Notlösung gefunden als bis Dezember, aber es ist eben immer noch eine Notlösung, ein Provisorium, in dem sie nicht langfristig bleiben können. Parallel zum Alltag werden sie also die nächsten zwei Jahre viel Energie daran verwenden, den wirklichen Neustart vorzubereiten, und das wird mit enormen Kosten und Unsicherheit verbunden sein. Ganz ähnlich geht es dem Kamaishi-Hort, die ihr Ausweichquartier zwar sehr schnell beziehen konnten, aber eben auch bis Frühjahr 2014 dort ausziehen und neu bauen müssen. Auch die Arbeit der Kreuzkirche in Iwate ist also noch lange nicht abgeschlossen.

Jesper Weber

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