Donnerstag, 2. August 2012

Ziemes sind da!

Pfarrerin Gabriele Zieme-Diedrich und Ehemann Peter Zieme sind heute angekommen und wurden von N. Boltze begrüsst.
Herzlich willkommen in Tokyo!

Sonntag, 15. Juli 2012

Sommer 2012

Die Regenzeit geht zu Ende, die Deutschen sind in Scharen ausgeflogen zum Heimaturlaub, oder auch um endgültig Japan zu verlassen.


Wir haben Ende Juni alle im Sayonara-Gottesdienst verabschiedet, vor allem natürlich auch die Pfarrfamilie, und noch einmal zünftig zusammen gefeiert.


Nun wünschen wir allen einen guten Anfang am neuen Ort. Und freuen uns auf die neue Pfarrerin und darauf, dass das Gemeindeleben weitergeht.

In Iwate finden an diesem Wochenende einige Violinkonzerte statt, wir werden darüber berichten.

Freitag, 25. Mai 2012

Konfirmation 2012

Der grosse Tag für unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden!


Bei wunderbarem Wetter, nicht zu heiss und nicht zu kühl, war die Kirche mit gut 150% ihrer Kapazität proppenvoll. Die Kantorei hat den festlichen Gottesdienst musikalisch begleitet.
Nach dem Gottesdienst feierte die ganze Gemeinde mit den Konfirmierten vor der Kirche an festlich gedeckten Tischen mit köstlichem warmem Essen, Salaten vom Buffet und Kaffee und Kuchen.
Ein gelungenes Fest!
C.M.

Dienstag, 15. Mai 2012

Neue "Kibo-no-Ie"-Seite

Herr Bodo Walther von der Braunschweigischen Landeskirche war zu Besuch in Tokyo. Er berichtete von seiner Arbeit im Kibo no Ie in Osaka. Mit seiner Hilfe haben wir auch unsere Kibo-no-Ie- Seite
auf unserer Homepage renoviert. Bitte schauen Sie mal rein!

Sonntag, 13. Mai 2012

Mai 2012

Am 1. und 2. Mai war Pfarrerin Hübler-Umemoto mit Mann und Sohn auf "Abschiedstour" in Iwate. Den Bericht finden Sie auf unserer Homepage. Übrigens: falls Sie diese Seite schon früher besucht haben, müssen Sie sie evtl. "neu laden", um den neuen Bericht anzuzeigen.

Derweil laufen in der Kreuzkirche die Vorbereitungen auf die Konfirmation auf Hochtouren. Wir werden berichten...

Heute gab es schon mal eine Taufe (der kleine Mann in der Mitte).

Freitag, 20. April 2012

Ostern 2012


Auch in diesem Jahr fand vor dem Ostergottesdienst das gemeinsame Osterfrühstück statt, zum ersten Mal im neuen Gemeindehaus, bzw. davor - bei herrlichem Wetter.
Der Tisch war reich gedeckt.
Nach dem Gottesdienst durften die Kinder nach Ostereiern suchen.
Weitere Bilder sind im Fotoalbum auf unserer Homepage.

Eine Gruppe von Gemeindemitgliedern war an Ostern in Iwate. Der Bericht ist auf unserer Homepage unter "Aktuelle Berichte" zu finden.

Dort wird von nun an auch der Fortgang unseres Spendenprojekts dargestellt. Diesen Blog werden wir weiterhin nutzen, um über Aktivitäten in unserer Gemeinde zu berichten. Das Leben in Japan ist und bleibt spannend...

Bitte halten Sie uns weiterhin die Treue!

Samstag, 28. Januar 2012

Keine Gleichbehandlung im Unglück

In den vier Tagen vom 17. bis zum 20. Januar fuhren Pfarrer Ohta, Hibiki Umemoto (Pfarrerssohn der Kreuzkirche) und ich wie ein Wirbelwind von Morioka über Miyako (17. Januar) nach Otsuchi und Kamaishi, inklusive Fischerbucht (18. Januar), weiter nach Ofunato und über Rikuzen-Takata und Kesennuma nach Senmaya (19. Januar) und schließlich zu einem Besuch in der Kirche Tsuchisawa (20. Januar) – gut 500 Kilometer Fahrt an den beiden Tagen in der Mitte auf glücklicherweise kaum verschneiten Straßen.

Zweck der Fahrt war es, Grüße zum neuen Jahr zu überbringen und ein Zeichen zu setzen, indem wir „öffentlichkeitswirksam“ auch in einem kalten Wintermonat aus Tokio gekommen sind. Und in Begleitung von Pfarrer Ohta ging es schwerpunktmäßig darum, den Kontakt der Kreuzkirche in Tokio zu den Kirchengemeinden in Iwate zu vertiefen.

Deshalb galt unser erster Besuch in Morioka Bischof Ohara von der Diözese Ôu, die die Präfekturen Aomori, Akita und Iwate umfasst und in der damit die vier Gemeinden aus unserem Spendenaufruf liegen. Wir konnten uns einen Überblick über die bisherigen und geplanten Aktivitäten der Diözese und den Stand der Dinge in den jeweiligen Gemeinden verschaffen und auch von unseren Tätigkeiten berichten. Die Priorität für die Diözese wird in den kommenden Monaten und Jahren der Wiederaufbau der zerstörten Kirchen und die seelsorgerische Betreuung der Gemeinden sein.

Bei den folgenden Besuchen und Gesprächen wurden wir durchweg mit echter und großer Wiedersehensfreude aufgenommen. Einen schönen Lichtblick gab es in Otsuchi. Nach dem Besuch des Osanago-Kindergartens, wo wir nur kurz bleiben konnten, weil die Kinder gerade von einer Magiertruppe aus Tokio „verzaubert” wurden, fuhren wir weiter zum Midori-Kindergarten. Diesem war zum Ende Dezember ihr Ausweichquartier im Gästehaus des Otsuchi-Gymnasiums gekündigt worden, in dem sie mehr als ein halbes Jahr auf engstem Raum die Kinder betreut hatten. Über Monate hinweg war nicht klar, wohin sie ausweichen und wie sie sich finanzieren könnten.

Nun hat der Kindergarten zehn Minuten Autofahrt ins Landesinnere ein Grundstück gefunden, auf dem in Fertigbauweise ein einstöckiges Gebäude mit 270 Quadratmeter Fläche errichtet wurde und am 24. Januar in Betrieb geht. Die Kosten für den Bau und die Ausstattung hat Unicef übernommen und beim Umzug und Aufräumen haben Freiwillige vom „Tohno Magokoro Net” geholfen, womit dem Leiter Eikoh Sasaki ein gewaltiger finanzieller Stein vom Herzen gefallen ist. Er wird zwar weiterhin jeden Tag über 200 Kilometer mit dem Kindergartenbus fahren, um seine „Kundschaft” einzusammeln und wieder zuhause abzuliefern, und er hat immer noch die Belastung durch das Altdarlehen und die Ungewissheit über den endgültigen Wiederaufbau. Im neuen Provisorium kann er zwei Jahre bleiben und hat damit spürbar wieder Luft zum Atmen. Zum ersten Mal, seit ich ihn im Juli kennengelernt habe, wirkte er entspannt und fröhlich.

Bedrückend war andererseits zu sehen, wie sich die Schere zwischen den betroffenen Ortschaften immer weiter öffnet. Ich halte das für ein Produkt aus mindestens drei Faktoren: dem Ausmaß der Zerstörungen durch den Tsunami, ab wann und wie gut die örtlichen Verwaltungen funktionieren und wieviel Unterstützung bei den ersten Räumarbeiten durch Selbstverteidigungsstreitkräfte und Freiwillige erfahren wurde.

In Miyako ist ein kleinerer Ortsteil vom Tsunami zerstört worden, weite Teile der Stadt wurden „nur” überflutet, aber nicht mit Wucht von der Welle getroffen. Die Aufräumarbeiten dort beschränken sich auf ein gründliches Putzen, um den Schlamm zu entfernen, nur wenige Häuser mussten abgerissen werden. Die Stadt macht den Eindruck, sich nun aus eigener Kraft wieder hochrappeln zu können.

Ganz anders sieht es in Otsuchi aus. Die Stadt hat die Form einer Teufelsmaske mit zwei Hörnern, die ins Landesinnere reichen; das Gesicht ist das Hafengebiet und Stadtzentrum, welches komplett vom Tsunami und dem danach ausgebrochenen Feuer durch explodierende Propangasflaschen zerstört wurde. Hier sind der meiste Schutt und die Autowracks beseitigt, übrig geblieben sind die Betonfundamente und es ist keinerlei Leben bis auf einige Räumfahrzeuge zu sehen. Der sichtbare Fortschritt der letzten Monate beschränkt sich auf das Aufstellen neuer Ampeln an den größeren Kreuzungen, die aber fast nur Durchgangsverkehr regeln. Seit Anfang Dezember hat auch ein großer Supermarkt wieder aufgemacht, so dass sich die Einkaufssituation für die Bewohner der „Hörner” sehr entspannt hat, denn bis dahin gab es nur einen Convenience Store und ein mobiles Postamt, für alles andere musste man ins benachbarte Kamaishi fahren.

Dort in Kamaishi wurde im späten Dezember der offizielle Wiederaufbauplan der Stadt beschlossen und veröffentlicht, ist aber bei den einzelnen Bewohnern scheinbar mehr oder weniger als Gerücht und ganz verschiedenen Inhalts angekommen. Jeder „weiß” ein bisschen anders, dass bis zu dieser (oder jener) Straße stadteinwärts vom Hafen ein (oder zwei) Meter der Grund angehoben werden muss, um neu zu bauen (oder wohnen) zu dürfen, und dass auch die Straßen angehoben werden (oder nicht). Aber das entscheidende Signal war offenbar nicht, wie es konkret weitergeht, sondern dass es weitergeht und die Stadt und ihr Hafenzentrum leben wird. Also kehren die Menschen zurück, bessern noch erhaltene Häuser aus und eröffnen ihre Läden und Restaurants wieder.

Die Fischerei blickt noch mit viel Ungewissheit in die Zukunft. In die Buchten wurden einige kleine, einfach und schnell herzustellende Boote angeliefert. Damit kann die eigentliche Arbeit, also die Zucht von Wakame-Seetang, Austern und Jakobsmuscheln (Hotate) zwar nicht betrieben werden, aber die Fischer konnten in Küstennähe Abalone (Awabi) fangen – weniger als in den Vorjahren, aber zu einem besseren Kilopreis, so dass ihnen finanziell für dieses Jahr etwas geholfen ist. Die Fertigung der eigentlich benötigten, größeren Boote wird mindestens zwei Jahre in Anspruch nehmen, die Genossenschaften haben die Reihenfolge der Verteilung schon festgelegt. Bis dahin machen die Fischer Boat-Sharing, allerdings mit wechselndem Enthusiasmus. Die Genossenschaft kann oder will die Öfen nicht ersetzen, in denen geerntete Wakame sofort gekocht werden muss. Diese sind bisher nicht im Zusatzhaushalt vom Staat berücksichtigt, müssten also aus eigener Tasche finanziert werden, ebenso Kühlschränke und andere Gerätschaften – die Genossenschaften hoffen, dass so etwas vielleicht doch noch im Haushalt berücksichtigt wird, verpassen damit aber die Ernte eines Jahres.

Weiter südlich liegt Ofunato, welches sich an eine lange, landeinwärts gelegen und vermeintlich geschützte Bucht schmiegt. Der Tsunami hat auf weite Strecke die Stadt verwüstet, der Wiederaufbau beginnt nur sehr langsam. So hat beispielsweise die Katholische Kirche, die selbst sicher auf einem Hügel liegt, das benachbarte Grundstück eines Gemeindemitglieds, dem das Haus weggespült wurde, angekauft und errichtet dort eine Basisstation für die Arbeit der Caritas. Später wird das Gebäude als neues Gemeindezentrum fungieren. Eines der akutesten Probleme ist, dass die öffentlichen Verkehrsmittel nicht funktionieren – die Bahnlinie ist zerstört und Busse fahren immer noch nur eingeschränkt, was gerade älteren Menschen tagtäglich große Schwierigkeiten bereitet, da sie die weiten Strecken innerhalb der Stadt und in die Umgebung zum Einkaufen nicht bewältigen können.

Am Südzipfel der Präfektur liegt Rikuzen-Takata, das komplett vom Tsunami ausradiert wurde. Nur die Hüllen vereinzelter großer Stahlbetonbauten haben den Wassermassen standgehalten, auf weiter ebener Fläche bis zu über drei Kilometer zu den Bergen steht sonst nichts mehr und das Meer hat sich nach Absenkung des Bodens bis zu einem Kilometer landeinwärts gefressen. Die ursprüngliche Stadt ist nur durch das Navigationssystem im Auto zu erahnen: die Fundamente aller Häuser sind geschliffen, der Schutt sortiert, zerkleinert und abtransportiert. Man steht auf einem frisch umgepflügten Feld, das jederzeit neu bebaut werden könnte.

Gleich nebenan in der Präfektur Miyagi liegt Kesennuma, welches ebenfalls auf weiter Fläche mit voller Wucht vom Tsunami getroffen wurde. Viele Räumfahrzeuge sind zu sehen, aber im Hafengebiet ist noch kaum etwas geschehen, sie sind gefühlt so weit wie Kamaishi im Spätsommer war. An vielen Stellen ist noch Holzschutt zu sehen, der eigentlich leichter als Beton abzutragen wäre, und auf vielen Grundstücken stehen noch landeinwärts gespülte Boote, darunter auch ein großes Frachtschiff. Der Nordteil der Stadt blieb vom Tsunami verschont und funktioniert normal, macht aber einen sehr überalterten Eindruck.

Und landeinwärts hinter den schützenden Bergen ziehen sich die Ausbesserungsarbeiten an den Straßen hin. Viele, oftmals kleine Stellen müssen repariert werden, aber die Bauunternehmen bewerben sich nur zögerlich auf die Projekte, da sie zu sehr Stückwerk sind um lukrativ zu sein. Über das Ausmaß der Bebenschäden an Gebäuden wird wenig berichtet, da kämpft jeder seinen eigenen Kampf, unter anderem die Kirche in Senmaya, die nur noch auf eigene Gefahr betreten werden kann und daher ihre Gottesdienste in einem Ausweichquartier abhält. Sie hat ein Grundstück außerhalb der Stadt gekauft und bemüht sich nun um die Finanzierung des Neubaus.

Ich ziehe aus den Eindrücken dieser Fahrt das Fazit, dass wir in unserer Arbeit nicht darauf aus sein können, die jeweiligen Ortschaften, Kirchen, Einrichtungen und Kontaktpersonen in anscheinender Fairness gleichmäßig zu berücksichtigen, sondern auch weiterhin je nach Ausmaß der Zerstörungen, Fortgang des Wiederaufbaus und der anderweitig erfahrenen Unterstützung durch Behörden und andere Helfer individuell zuschneidern sollten.

Dieser Ansatz wird übrigens vor Ort unterstützt, wie aus vielen Gesprächen klar wird. So appelliert beispielsweise die Leiterin des Osanago-Kindergartens in Otsuchi unermüdlich, den weitaus schlimmer betroffenen Midori-Kindergarten im gleichen Ort nach Kräften zu unterstützen, obwohl sie geschäftlich in direkter Konkurrenz stehen. Und Bischof Ohara sagt ausdrücklich, dass wir hoffentlich die Bedürfnisse aller vier Gemeinden mit gleicher Sorgfalt bedenken würden, eben diese Bedürfnisse aber zu divers seien, um die gleichen Hilfen anzubieten.

Und eine Illusion, der wir uns auf gar keinen Fall hingeben dürfen, ist, dass Einrichtungen wie der Midori-Kindergarten das Schlimmste überstanden hätten. Zwar haben sie viel Hilfe erfahren und nun eine bessere Notlösung gefunden als bis Dezember, aber es ist eben immer noch eine Notlösung, ein Provisorium, in dem sie nicht langfristig bleiben können. Parallel zum Alltag werden sie also die nächsten zwei Jahre viel Energie daran verwenden, den wirklichen Neustart vorzubereiten, und das wird mit enormen Kosten und Unsicherheit verbunden sein. Ganz ähnlich geht es dem Kamaishi-Hort, die ihr Ausweichquartier zwar sehr schnell beziehen konnten, aber eben auch bis Frühjahr 2014 dort ausziehen und neu bauen müssen. Auch die Arbeit der Kreuzkirche in Iwate ist also noch lange nicht abgeschlossen.

Jesper Weber

Dienstag, 10. Januar 2012

Alles verboten

von Jesper Weber

Man lernt nie aus. Nach nunmehr sechs Fahrten ins Tsunami-Gebiet in der Präfektur Iwate hatte ich mir eingebildet, mit der Zerstörung und der Trauer infolge der Naturkatastrophe umgehen zu können.

Und dann gibt es doch immer wieder Eindrücke und Berichte, die mir einfach die Kehle zuschnüren.

Am Montag, den 9. Januar – einem Feiertag in Japan – veranstaltete der Kita-Shiku, also der „Bezirk Nord“ des Kirchenverbands Tokio, einen Tag der offenen Tür. Zu diesem Bezirk gehört auch die Kirche von Pfarrer Ohta, der uns in Iwate viele Kontakte verschafft hat. Zwei Gäste waren aus dem Nordosten eingeladen worden, um einen Bericht von der Lage vor Ort zu geben.

Am Vormittag sprach Frau Maruki, mit der auch wir seit Mai in regelmäßigem Kontakt stehen. Frau Maruki ist Mitglied im Vorstand und Organistin der Shinsei-Kirche in Kamaishi, die wir nach unseren Kräften beim Wiederaufbau unterstützen wollen. Ihr Ehemann ist Sozialreferent der Stadt.

Für viele im Publikum, die noch nicht (so makaber es klingen mag) das Glück hatten, selbst vor Ort an der Wiederauferstehung der Stadt teilnehmen zu dürfen, war es offenbar der erste Bericht aus erster Hand, der daher mit entsprechend starker Erschütterung aufgenommen wurde. Mir war die Geschichte vom Überleben der Marukis aus den ausgiebigen persönlichen Gesprächen der letzten Monate geläufig, daher blieb bei mir etwas anderes hängen.

Bei einer kirchlichen Veranstaltung zu einer Katastrophe dieses Ausmaßes wird selbstverständlich auch die Frage gestellt, wie Gott so etwas zulassen könne. Frau Maruki zitierte die Erklärung eines katholischen Priesters, der als Freiwilliger in Kamaishi geholfen hatte (wer möchte, kann dabei „Gott“ durch „Natur“ ersetzen).

Im japanischen gibt es zwei Wörter, die auf Deutsch mit „Erdbeben“ übersetzt werden, ji-shin und shin-sai. Das erste setzt sich aus den Schriftzeichen für Erde (ji) und Schwanken (shin) zusammen, das zweite ebenfalls aus Schwanken (shin) und Unheil bzw. Schaden (sai) zusammen. Jishin ist also das Beben selbst, während Shinsai ein wenig holperig als „Bebenschaden” übersetzt werden kann.

Das Beben selbst (jishin) ist kein Menschenwerk und mag als von Gott gebracht betrachtet werden. Aber Gott kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass Menschen in ihrer Hybris sich auf Deiche und Bollwerke verlassen haben, die sie selbst aber nicht hoch und stark genug gebaut hatten, dass Menschen deshalb trotz der Warnungen über die öffentlichen Lautsprechersysteme nicht rechtzeitig die Flucht begonnen haben, sondern Häuser, Autos und andere Besitztümer sichern wollten, und dass Menschen ohne eine realistische Einschätzung der Risiken ein Atomkraftwerk direkt an die Küste eines Erdbebengebiets gebaut haben.

Da ist was dran.

Und so war auch eine Brücke zum zweiten Vortrag am Nachmittag geschlagen. Frau Endo leitet den kirchlichen Hort „Sei-ai“ im Stadtteil Haramachi von Minami-Soma in Fukushima, 25,6 Kilometer nördlich des havarierten AKW. Der Name „Minami-Soma“ dürfte seit März ausnahmslos allen Japanern aus den Nachrichten ein Begriff sein. Die Auswirkungen der AKW-Havarie allerdings sind von auswärts kaum intuitiv begreifbar.

Nachdem die Erde sich am 11. März ein wenig beruhigt hatte, versammelten die Erzieherinnen die Kinder auf dem Spielplatz, wo sie sie vor herabstürzenden Gegenständen sicherer wussten als im Gebäude. Dort wurden sie dann nach und nach von den Eltern abgeholt. Gefährdung durch Tsunami bestand für den Hort nicht, da er weit genug landeinwärts liegt. An der Küste traf die Welle um 15:15 Uhr ein, 29 Minuten nach dem Beben.

Schon um 21:23 Uhr wurde der Befehl zur Evakuierung im Radius von drei Kilometern vom AKW gegeben, um 5:44 Uhr am nächsten Morgen wurde die Zone auf zehn Kilometer ausgeweitet, am selben Abend um 18:25 Uhr (etwa drei Stunden nach der ersten Explosion im AKW) auf 20 Kilometer. Am 15. März ab 11:00 Uhr vormittags (dem Tag nach der zweiten Explosion) wurde allen Bewohnern im Gürtel von 20 bis 30 Kilometern vom AKW befohlen, ihre Häuser nicht mehr zu verlassen, so dass am selben Tag der Hort, der in diesem Gürtel liegt, auf unbefristete Zeit – bis zur Stabilisierung der Lage im AKW – geschlossen wurde.

Das Ausgangsverbot wurde erst am 22. April aufgehoben, als die Zone bis 20 Kilometer zum absoluten Sperrgebiet erklärt wurde und der Gürtel von 20 bis 30 Kilometern auf Evakuierungsvoralarm gesetzt wurde. In diesem Gürtel sollten sich ab dem Tag keine Kinder, Schwangere, Pflegebedürftige oder stationär behandelte Patienten mehr aufhalten, alle Kindertagesstätten und Schulen wurden zwangsgeschlossen. Da aber das Ausgangsverbot aufgehoben worden war, kamen seitdem einige Familien aus ihren Evakuierungsstätten in ihre Häuser zurück, so dass die Erzieherinnen verstärkt Hausbesuche machten, um sich nach dem Befinden der Kinder zu erkunden.

Was sie sahen, war erschreckend. Apathische Kinder, die sich seit Tagen nur mit Fernsehen und Videospielen beschäftigen konnten. Lethargische Eltern, die den ganzen Tag im Schlafanzug rumliefen und vor Stress kurz vorm Zusammenbruch standen. Mangelhafte Ernährung durch Instantsuppen, weil keine Lebensmittel in die Läden der Umgebung geliefert wurden und es kein Benzin gab, um weiter weg einkaufen zu fahren – die Fuhrunternehmen und Tankstellenbetreiber weigerten sich, in das Gebiet zu fahren, und auch Umzugsfirmen fanden sich lange nicht bereit, die Möbel des neuen Pfarrers nach Minami-Soma zu bringen. Erwachsene, die keinerlei Motivation zum Arbeiten verspüren, weil sie durch die Kompensationszahlungen der Stromfirma erstmal über die Runden kommen – was auch heute, zehn Monate nach Beginn der Havarie, noch bei vielen der Fall ist; die Pachinko-Spielhöllen haben Hochkonjunktur. Sie finden sich damit ab, dass das Leben bis auf den Strahlenmesser um den Hals auf eine neue Weise normal und nunmehr kostenlos ist.

Sogar Frau Endo, die sich als ausgesprochene Gegnerin von Atomkraft vorstellt, erklärt, dass momentan niemand auch nur den Nerv habe, die Stromfirma TEPCO an den Pranger zu stellen. Minami-Soma ist für sie Heimat, und sie hat genug damit zu tun, ihr Leben dort weiter zu führen. Was als kleine Extra-Gemeinheit noch das i-Tüpfelchen draufsetzt, ist die Tatsache, dass Minami-Soma wie die ganze Präfektur Fukushima garnicht von TEPCO, also der „Tokyo Electric Power Company”, mit Strom versorgt wird, sondern von Tohoku Electric. Sie haben anderer Leute Dreck vor der Tür.

Der Hort wollte jedenfalls ein wenig Abhilfe schaffen und hat ab dem 25. April bis Ende Juli heimlich wieder die Pforten geöffnet, um den Kindern etwas Platz zum Herumtollen und den Eltern einen Ort zum Gespräch zu geben. Heimlich deshalb, weil die Stadtverwaltung in typisch-bürokratischer Manier daran festhielt, dass der Betrieb von Kindertagesstätten in der Voralarmzone nicht gestattet sei. Die Gas- und Wasserversorgung wurde erst nach mehreren Behördengängen unter der Hand wieder autorisiert, weil der Sachbearbeiter ein Einsehen hatte, dass solch ein Ort in der Stadt notwendig sei. Der Pfarrer hatte schließlich durchgesetzt, dass der Ort als Kirche betrieben würde, damit war das notwendige Schlupfloch gefunden.

Am 6. Mai wurde dann parallel dazu außerhalb des 30-Kilometer Gürtels ein Behelfshort mit drei anderen, privaten Kindergärten eröffnet. Das gestaltete sich schwierig, weil der geteilte Raum in einem buddhistischen Tempel lag, so dass der christliche Erziehungsansatz auf Ablehnung stieß. Außerdem öffnete sich die Tür direkt auf eine recht stark befahrene Straße. Von ursprünglich 100 betreuten Kindern kamen da gerade mal vier zurück. Obwohl nach offiziellen Zahlen die Bevölkerung von Minami-Soma nur um unter zehn Prozent auf circa 66000 Einwohner zurück gegangen sein sollte, war der Ort eine Geisterstadt. Inoffizielle Schätzungen beliefen sich auf etwas über 3000 Einwohner, der Rest hatte sich einfach in der Eile nicht abgemeldet. Am 27. Juni konnte der Hort in ein neues Quartier ziehen, ein eigener Raum mit einem Spielplatz davor. Die 15 Kinder, die wieder angemeldet wurden, durften allerdings erstmal nur bei geschlossenen Türen und Fenstern spielen.

Große Probleme bereitet der Einkauf von Lebensmitteln für das Mittagessen. Gemüse wurde dem Hort durch einen kleinen Laden am alten Standort angeliefert, der aber in Folge der Katastrophe schließen musste. Bei anderen Gemüseläden sind sie nicht sicher, ob dort nicht lokal gezüchtete Produkte mitgeliefert werden, so dass sie selbst im Supermarkt einkaufen gehen. Dort wird die Strahlenbelastung allerdings nicht klar angezeigt, und auf Fragen, ob sie gemessen worden sei, gibt es nur ausweichende Antworten: „Wir messen und das Gemüse ist sicher.“ Die Werte werden auch auf Nachfragen hin nicht bekannt gegeben, so dass sie zwangsläufig aus Gemüse ausweichen müssen, das in Westjapan angebaut wurde.

Ebenfalls schwierig ist es, Erzieherinnen einzustellen, obwohl der Hort das Doppelte vom lokalen Mindestlohn bietet. Viele Mitarbeiterinnen sind mit ihren Familien weggezogen, andererseits kommen seit Dezember wieder 45 Kinder, die teilweise aus öffentlichen Einrichtungen „zwangsversetzt” wurden. Die Integration ist anspruchsvoll, und die verbleibenden Erzieherinnen sind chronisch überarbeitet.

Die Hortleitung ist sich nicht sicher, was bedrohlicher ist: die unsichtbare und ungreifbare Belastung durch radioaktive Strahlung oder die ganz konkrete Belastung durch die täglich erfahrenen Einschränkungen. Die Mitarbeiter versuchen also so gut wie es Laien möglich ist, die Strahlenbelastung zu mindern und eine normale Kinderbetreuung anzubieten.

Auf den Fensterbänken stehen gefüllte Wasserflaschen. Das schirmt, so haben eigene Messungen ergeben, ein wenig die Strahlung ab. Da der neue Standort zwar außerhalb des 30-Kilometer Gürtels liegt, aber dennoch beinahe gleich hohe Strahlenwerte wie der alte Hort registrierte, wurden die Sommerferien zur Dekontaminierung des Spielplatzes benutzt. Ein einfaches Abspritzen reicht nicht aus, das würde die Partikel nur von A nach B befördern. Also wurden sämtliche metallene Spielplatzgeräte abgeschliffen – an Roststellen mit besonderer Sorgfalt – und dann mit nassen Küchentüchern und Frischhaltefolie umwickelt, um die verstrahlten Substanzen aufzusaugen. Danach wurden sie neu lackiert. Holzgeräte wurden abgebaut und entsorgt. Die Erde wurde um mindestens fünf Zentimeter abgetragen, an einigen Stellen wie beispielsweise am Ende der Rutsche – dort sammelt sich Regenwasser – sogar um dreißig. Betonflächen konnten noch nicht gereinigt werden.

Nun dürfen die Kinder jeden Tag bis zu einer halben Stunde im Freien spielen. Bäume, die nicht dekontaminiert werden konnten, sollen sie nicht anfassen, und die Buddelkiste, bisher der beliebteste Ort zum Spielen, ist fest mit einer Plane zugedeckt. Mundschutz und Hut sowie lange Hosen und Ärmel sind Pflicht. Nach der halben Stunde geht es wieder hinein, die Kinder werden zuerst abgebürstet, dann wird Feinstaub mit einer klebrigen Rolle entfernt, schließlich müssen sie die Füße auf klebrigem Papier abtreten, die Hände waschen und gurgeln.

Zuerst sahen die Erzieherinnen ein Problem, wie sie den Kindern die Regeln verständlich machen sollen. Als kirchlicher Hort beten alle Kinder zu einem unsichtbaren Gott, also vielleicht könnte man die unsichtbare Strahlung ähnlich erklären… Aber soll man die Strahlung mit Gott vergleichen…? Und ihn dann abbürsten und ausspucken...?

Es waren keine Erklärungen nötig. Keines der Kinder macht zu den Regeln einen Mucks oder ärgert sich über die Prozedur, kein Kind hat je gebeten, in der Buddelkiste spielen zu dürfen, keinem Kind musste von den Erzieherinnen das Anfassen der Bäume verboten werden, das wussten sie alles schon von zuhause. Die Vierjährigen fragen morgens fröhlich die Erzieherinnen, wieviel Sievert denn heute gemessen wurden.

Da schwang enormer Schmerz in Frau Endos Stimme mit. Eigentlich sollten Kinder in dem Alter neugierig und frech sein, die Grenzen testen und sich auch mal über Verbote hinwegsetzen. Hier wächst nun eine Generation heran, die es nur so kennt, dass alles, was nicht ausdrücklich erlaubt ist, eben gefährlich und daher verboten ist.

Es gibt immer wieder Eindrücke und Berichte, die mir einfach die Kehle zuschnüren.

Freitag, 6. Januar 2012

Neujahr 2012

Neujahr 2011 10:30 Uhr mit Sektempfang


Liebe Gemeinde,
ein außerordentliches Jahr liegt hinter uns.
Voller Dramatik, voller gesellschaftlicher Umbrüche, Existenznöte, Staatspleiten, Schicksalsschläge, Katastrophen, aber auch voller Neuanfänge, zaghaft, aber voller Hoffnung.
Dieses vergangene Jahr hat uns hier in Japan von einem Augenblick auf den anderen auf schreckliche Weise Neues zugemutet: Viele Menschen haben ihre Existenz, ihr Leben, ihre Heimat verloren. Viele Angehörige der deutschen Community sind aus Japan weggegangen. Nur manche sind zurückgekehrt.
Für uns als Gemeinde hat sich manches verändert und wird sich noch manches verändern, Arbeit hat sich vermehrt, das neue Pfarrhaus steht, die Nachfolge-Bewerber kündigen sich an.
Wir haben in Folge der Tsunami-Katastrophe viel Gutes erfahren dürfen: mehrere tausend Spenderinnen und Spendern haben uns Geld anvertraut für die Opfer der Katastrophe und spenden immer noch beträchtliche Summen. Und wir durften in Iwate viele wundervolle Menschen kennen lernen, die uns geholfen haben, die Spenden an die richtigen Orte zu bringen.
So gehen wir aus diesem vergangenen Jahr bereichert und beschenkt ins Neue.
Die Jahreslosung dieses Jahres 2012 ist der berühmte Satz des Apostels Paulus: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Das klingt zunächst wie eine nachträgliche Interpretation des vergangenen Jahres. Bei so viel Unglück ist doch entscheidend gewesen, dass sich schwache Menschen zusammen gefunden haben, getan haben, was sie konnten, damit sich eine Zukunft nach der Katastrophe öffnet.
Manche haben sich in ihrer Ohnmacht geopfert und damit etwas bewegt.
Ich denke an jenen tunesischen Händler, der es satt hatte und auch gar nicht die Mittel, schon wieder Bestechungsgeld zu zahlen, einfach nur, um seinem Alltag in Ruhe nachgehen zu können. Und der vor sein Rathaus gegangen ist, sich mit Benzin übergossen und angesteckt hat. Dieses Fanal der äußersten Ohnmacht eines Menschen, der in seinem Leben nicht erfahren hat, dass er je sein Recht bekommt, hat die Länder im mittleren Osten in Bewegung gebracht, Regime gestürzt und Neuanfänge zaghaft auf den Weg gebracht.
Gottes Kraft in den Schwachen mächtig.
Welten haben sich bewegt, aus schrecklichem Unglück wird nach und nach ein neues Leben. Ich denke noch einmal an die Aufführung der 9. Symphonie von Beethoven in Kamaishi, wo die Menschen so entschlossen „Freude“ gesungen haben, gegen alle dunklen Erfahrungen angesungen, die Freude schon einmal anklingen ließen, auch wenn sie im Alltag vielleicht erst viel später eine Erfahrung wird. Hier wurde neue Hoffnung in Musik gekleidet, für alle hörbar.
Gottes Kraft in den Schwachen.
Lassen Sie mich den Paulinischen Satz einmal im Zusammenhang lesen: 2. Korinther 12, 6 - 10
"...wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark."
Bei Paulus sehe ich, wie es mir selber auch geht und Ihnen vielleicht auch: dass er Schwierigkeiten hat, sich seine Schwäche einzugestehen, sich gar mit seiner Schwäche abzufinden. Wie viel näher liegt es uns Menschen, unsere Schwächen zu verachten, zu verstecken, weg zu trainieren. Ein Ratschlag aus der Psychotherapie heißt: „Verwandle deine Schwächen in deine Stärken“, als ob es so gar nichts wäre, sein Leben in jede gewünschte Richtung zu lenken und jederzeit souverän zu bestimmen, wie ich mich gerade fühlen möchte.
Paulus hat erst diesen Pfahl im Fleisch gebraucht, den er mit keinem Trick weg bekommt, um etwas über sich und seinen Gott zu lernen:
Ich höre das folgendermaßen:
Du, Mensch, mach dir deine Verwundbarkeit nicht weg, sie ist das eigentlich Menschliche an dir. Wenn du verwundbar bleibst, bleibst du offen und ehrlich deinen Mitmenschen gegenüber. Dann bewahrst du dir die nötige Demut im Umgang mit den anderen, dann schaust du nicht hochmütig auf andere herab, die schon schwächeln, während du noch topp fit allen Anforderungen genügst. Dann kannst du vielleicht auch deinen Selbsthass ablegen im Gedanken an deine Schwachheit.
Es geht nicht um deine glänzende „Performance“ in der Begegnung mit anderen. Es geht nicht um schimmernde, makellose Fassaden, und was dahinter ist, geht niemanden etwas an. Solche Täuschung der Öffentlichkeit schafft Distanz, schafft Misstrauen und Machtmissbrauch.
Es gibt durchaus auch den Machtmissbrach dessen, der sich schwach darstellt: den Egoismus des kranken Menschen, der alle nach seiner Pfeife tanzen lässt und die Mitleidsgefühle seiner Umgebung ausbeutet. Das ist hier nicht gemeint!
Ich höre Paulus so:
Wer verwundbar ist, ist offen für den anderen, stellt sich nicht über ihn, sondern auf gleiche Höhe. Wir sind Menschen und wir sind uns genau an diesem Punkt gleich, unabhängig davon, was wir im Alltag gelten mögen:
Jede und jeder von uns lebt allein aus der Gnade Gottes, nicht aus sich selber, nicht aus seiner Stärke, sondern sogar aus seiner Schwäche, wenn er, wenn sie, die denn zulassen mag.
Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Dieser Satz stellt uns Menschen alle vor Gott auf eine gleiche Stufe. In ihm können wir einander begegnen, einander als Menschen erkennen, einander helfen und heilen.
In der Schwäche liegt das Geheimnis der Kraft Gottes verborgen.
Gott helfe uns in diesem kommenden Jahr, das zu entdecken: meine Schwäche ist nicht einfach mein fehlender Erfolg oder mein Versagen, sondern, wo ich verwundbar, wo ich schwach bin, will Gott mir zeigen, dass ich in allem, was ich bin und habe auf ihn vertrauen kann. Gott trägt und hält mein Leben. Gott zeigt die Wege, die sich öffnen, oft erst, wenn kein anderer Ausweg mehr möglich ist. Gott führt und begleitet. In diesem Vertrauen lassen Sie uns in das Jahr 2012 gehen, das so viel Neues und noch gänzlich Unbekanntes bereithält. Dass wir alles aus Gottes Hand nehmen und voller Vertrauen Schritt für Schritt machen können. Dazu segne uns Gott. Amen.
Elisabeth Hübler-Umemoto

Sonntag, 25. Dezember 2011

Weihnachten 2011

17500mal wurde unser Blog gelesen seit er zum ersten Mal im Netz stand, kurz nach dem Schicksalstag 11. März 2011. Wir haben viele Spenden aus Deutschland und dem Rest der Welt bekommen und weiterleiten können. Wie bisher werden wir auch weiterhin an dieser Stelle von unseren Aktionen und Kontakten in Iwate berichten. Die Menschen dort brauchen weiterhin unsere und Ihre Unterstützung.
Doch auch unser Gemeindeleben in Tokyo soll hier ab und zu Thema sein.
Wir hoffen, dass unser Blog auch im neuen Jahr für Sie interessant sein wird. Bitte bleiben Sie uns gewogen. Yoroshiku onegai shimasu.
Wir wünschen allen unseren Lesern gesegnete Weihnachten und ein gutes Neues Jahr!

Sonntag, 18. Dezember 2011

Beethovens Neunte

Fahrtbericht Iwate, 10. - 12. Dezember 2011

von Jesper Weber

Am Sonnabend, den 10. Dezember, in aller Herrgottsfrühe fuhren Elisabeth Hübler-Umemoto, Naoto Umemoto und Jesper Weber mit einem mit Kuchen, Nikolaustüten und Weihnachtsschmuck bis zum Dach beladenen Toyota Wish, der für das Community Cafe Projekt in Ofunato bestimmt war, nach Iwate.

Nach einem kurzen Zwischenstopp am Chusonji-Tempel (Weltkulturerbe) in Hiraizumi erreichten wir am frühen Nachmittag das Fureai-Machiai-Shitsu in Ofunato, wo wir die Kuchenspende der Deutschen Schule Tokyo-Yokohama abgaben und einige der in Brandenburg gestrickten Stofftiere wiedertrafen. Eine Tasse Tee brachte uns auf den Weg nach Kamaishi, wo wir kurz an der Shinsei-Kirche hielten und dann weiter zum Quartier im Privathaus von Frau Inoue fuhren.

Ich stürzte in die Chorprobe zu Beethovens Neunter in der benachbarten Schule, die der diesjährige, provisorische Aufführungsort war. Die Hübler-Umemotos fuhren zum Bahnhof, um die Fahrkarten für die Rückfahrt zu regeln, und hatten dann vor dem Abendessen ein wenig Zeit zum ausruhen.

Die Aufnahme bei der Probe war überaus herzlich, mit viel Winken und Hallos von Herrn Goda, Professor Yamazaki und seiner Frau, dem Beethoven-Kommittee und einigen Mittelschülern und ihren Lehrern, die bei der Ausspracheprobe im November dabei waren. Der Sonnabend war der erste Probentag des sich aus Musikern aus ganz Japan zusammensetzenden Orchesters und damit auch die erste gemeinsame Probe vom Chor aus Kamaishi und einigen Angereisten und dem Orchester. Außerdem hatte gut die Hälfte der Mittelschüler, wie sich am Sonntag morgen durch Handzeichen herausstellte, nie zuvor ein Symphonieorchester erlebt.

Ich wurde Herrn Nakamoto zugeteilt und lief die zwei Tage von Probe und Aufführung wie in einer Mini-Polonaise hinter ihm her. Gemeinsam saßen wir zwischen Jagdhörnern und Chor und tauchten wie Maulwürfe nur für die dreißig Sekunden des sechsten Chorus auf („Freude schöner Götterfunken”), den wir ungeübt mitsingen durften.

Die erste halbe Stunde der Probe wurde dazu benutzt, die Teilnehmer vorzustellen und von Repräsentanten der jeweiligen Gruppen ein kurzes Grußwort sprechen zu lassen. Ich kam nicht an die Reihe und fand das angemessen so, aber zum Ende der Probe griff der Vorsitzende des Beethoven-Kommittees ein Mikrofon und entschuldigte sich, er hätte da jemand vergessen. Also habe ich doch noch einige kurze Worte gesprochen, in Ergänzung zum Grußwort, das von uns im Programm stand.

Die Probe selbst war recht wüst. Es ging dem Dirigenten, Prof. Yamazaki, wohl mehr darum, alle zusammen zu bringen, als an Feinheiten zu arbeiten.

Zurück bei Frau Inoue gab es ein ausgiebiges Abendessen, nach dem wir recht erschöpft in die Betten und Futons fielen.

Am Sonntagmorgen fuhren die Hübler-Umemotos zum Gottesdienst in der Shinsei-Kirche, ich ging in die Probe. Zuerst probten Orchester und Chor getrennt, die Chorprobe begann mit einem Warmsingen: zuerst ein Summen von Tonleitern, dann Singen der Tonleitern mit „No-No-No-No-No-No-No“ als Text, teils alle zusammen, teils nur die Erwachsenen oder Schüler, teils in Stimmen aufgeteilt. Endlich dann Passagen aus dem Schlusschor. Mit über 180 Mittelschülern und 120 Erwachsenen war das schon ein kleines Konzert für sich. Abschließend wurden wir gewarnt, uns ja nicht gehen zu lassen oder uns einzubilden, wir seien etwas besonderes und könnten davonkommen, mit weniger Inbrunst zu singen. 2011 war zwar viel passiert, aber trotzdem sei es nur die 34. Aufführung der Neunten Symphonie, nicht viel anders als die 33. oder die 35.

Wir gingen dann in die Turnhalle, wo das Orchester den Morgen durch geprobt hatte und deutlich besser zusammen spielte als am Vortag. Wir haben einmal Generalprobe mit dem vierten Satz gemacht und dann die Zugabe (ein japanisches Lied, „Miagete goran“) einstudiert, die vom Publikum mitgesungen wird. Fünf der Schüler mussten leider mit Husten und Fieber aus dem Verkehr gezogen werden, und einer konnte nachmittags nicht mit auftreten.

Nach einem Mittagessen von Onigiri und Umziehen – die Damen in langem, weißem Kleid, die Herren in schwarzem Anzug mit schwarzer Fliege – stellten wir uns im Gang auf. Der Mann neben mir schaute immer wieder in die Innentasche seines Jackets. Konnte er den Text noch nicht? Bei genauerem Hinsehen erkannte ich ein Foto einer Frau, auf das er schaute. Seiner Frau? Ich habe mich nicht zu fragen getraut.

Das Konzert begann um 13.30 Uhr. In der Turnhalle waren 1 250 Klappstühle fürs Publikum aufgestellt worden. Das entspricht ungefähr der Kapazität der überfluteten Stadthalle, die bisher Veranstaltungsort war. Mit dem Unterschied, dass die Stühle dieses Jahr aus allen Gymnasien von Kamaishi zusammen gesammelt werden mussten.

Am Eingang zur Halle stand das Rugby-Team von Kamaishi, die Kamaishi Seahawks. Jeder Sänger wurde mit Handschlag begrüßt. Vor Beginn des Konzerts gab es eine Schweigeminute. Am 11. Dezember waren es neun Monate seit der Katastrophe, und wenn die Sirenen um 14.46 Uhr aufheulen würde man gerade mitten im Stück sein. Es war wirklich mucksmäuschenstill, kein Flüstern und kein Füßescharren waren zu hören. Nach einem Grußwort durch den Bürgermeister von Kamaishi übernahm dann Prof. Yamazaki.

Zuerst gaben Orchester und Chor der Mittelschule zwei Gesangstücke, in der darauf folgenden Pause stellte der gesamte Chor sich auf – ich wieder in Polonaise mit Herrn Nakamoto.

Erster Satz... Zweiter Satz... Dritter Satz... Um kurz nach halb Drei begann der vierte Satz. Die Fernsehteams in der Gallerie wurden nervös. Und als hätte er darauf hindirigiert jaulten in der kurzen Orchesterpause, bevor zum ersten Mal das Freude-Thema erklingt, die Sirenen auf und erinnerten an 14:46 Uhr am 11. März 2011. Prof. Yamazaki hatte gerade die rechte Hand mit dem Dirigentenstab gerade in die Höhe gereckt, zögerte etwas, dirigierte dann aber weiter. Und um 14:49 Uhr antwortete der Bass den Sirenen: „O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen und freudenvollere.” Und dann donnerten 300 Kehlen: „Freude!“

Kann es eine passendere Musik für diesen Tag geben?

Viele Tränen sind geflossen, sowohl während der Aufführung als auch in der Zeremonie für den Chor danach. Die meisten davon waren kathartisch. Prof. Yamazaki bedankte sich bei allen für die bewegenste Aufführung, die ihnen je gelungen war, trotz all der Zweifel und Ängste, die zu überwinden waren, und dennoch – und hier versagte ihm die Stimme – wünscht er sich, dass es so eine Aufführung nie wieder geben muss.

Ich finde den Begriff „historisch“ für Konzerte meistens überzogen. Hier war er angebracht, das war eine historische Aufführung, die allen Teilnehmenden noch lange im Ohr und Herzen schwingen wird.


Nach dem Konzert haben wir uns bei Frau Inoue mit Frau Maruki aus dem Vorstand der Shinsei-Kirche getroffen. Herr Maruki war auch dabei, er steht Pfarrer Yanagiya beratend zur Seite.

Eigentlich hatte auch Prof. Yamazaki uns eingeladen, an einem Umtrunk mit dem Beethoven-Kommittee teilzunehmen, was sich aber zeitlich nicht unter einen Hut bringen ließ. Er erwies uns die große Ehre, nach dem Umtrunk mit seiner Frau und zwei Freunden noch bei Frau Inoue vorbei zu kommen und zwei Stunden mit uns zusammen zu sitzen, obwohl er sehr müde gewesen sein muss. Viel Dankbarkeit für die Unterstützung durch die Kreuzkirche wurde uns entgegen gebracht.

Am Montag morgen lieferten wir zuerst drei Christstollen im Lehrerzimmer der Higashi-Chugakko ab, der Schule, die den Chor stellte. Danach zog ich mich als Nikolaus um und wir fuhren zum Osanago-Kindergarten im benachbarten Otsuchi, danach weiter in den Midori-Kindergarten in Otsuchi und wieder zurück nach Kamaishi zum Hort.

Herr Umemoto ging vor und erzählte den Kindern, draußen sei so jemand, der dem Weihnachtsmann ähnlich sähe, ob sie mal rufen wollten? Und gerufen haben sie!

Die Nikolaustüten, die Frau Boltze und Helferinnen gepackt hatten (leider weiß ich die Namen nicht, ich würde sie gerne hier erwähnen und ihnen allen danken), waren ein toller Erfolg. Im Osanago hat Frau Hakoyama, die Leiterin, Tränen vor Rührung vergossen, dass wir „soviel für die Kinder“ machen. Im Midori hatte mindestens ein Kind den Schokoladennikolaus schneller aus der Alufolie gewickelt, als ich „Ho, ho, ho“ rufen konnte. Alle Kinder wollten Hände schütteln, viele griffen und ließen nicht mehr los (im Osanago hat mir jemand kurz meinen Ehering abgeluchst), und im Hort klammerte ein Vierjähriger sich an mein Bein und flüsterte ganz verträumt: „Du riechst gut…”

Mit den Tüten kam Montag für Hunderte von Kindern Weihnachten, und die Erwachsenen drum herum haben sich fast noch mehr gefreut, die Kinder so glücklich zu sehen.

Zum Schluss der Fahrt haben wir am Bahnhof von Kamaishi Herrn Kinno, einem Vertreter des Community Cafes in Ofunato, den Toyota Wish übergeben. Danach ging es mit dem Shinkansen zurück nach Tokio.

Der bleibende Eindruck dieser Fahrt und aus der Arbeit der Kreuzkirche dieses Jahr ist, dass wir gegangen sind, um etwas zu geben, und selbst so enorm viel empfangen durften.

Hier ist nochmal der Link zu meinen Fotos

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Ein Dankeschön vom Osanago-Kindergarten

From: もみの木学園 [mail:osanago.mominoki@xyz.jp]
Sent: Monday, December 05, 2011 3:51 PM
To: Jesper Weber
Subject: ありがとう ございました



おかげさまで、床暖が使用できています。

まだまだ裸足というわけにはいきませんが、

ほんのりと温かい園舎で子どもたちは元気に過ごしています。

支援で頂いたカーペットを敷くと、ホットカーペットみたいになるので、

小さい組のこどもたちはその上に寝そべって絵本を読んでいます。

もうすぐ クリスマスですね。

わが園はキリスト教学園ではありませんが、

イエス様の生誕劇の練習をしています。



Dank Ihnen können wir die Fußbodenheizung benutzen.

Barfuß gehen wir zwar nicht,

aber unsere Kinder fühlen sich im warmen Gebäude sehr wohl.

Ein uns gespendeter Teppich ist damit sozusagen zum Heizteppich geworden,

die Gruppe mit den jüngsten Kindern liegt darauf und liest Bücher.

Bald ist Weihnachten.

Wir sind zwar kein kirchlicher Kindergarten,

üben aber ein Krippenspiel.



たくさんの励ましと祈りを本当にありがとうございます。



Vielen Dank für all die Ermutigung und Ihre Gebete.



心から感謝を申し上げます。わたしがいうのもおこがましい気がしますが



神様の祝福が 皆さんに訪れますように。



Wir danken Ihnen von Herzen. Und auch wenn es aus unserem Munde
vermessen klingen mag,

Der Herr lasse seinen Segen über Ihnen allen walten.

Sonntag, 20. November 2011

Abends als es dunkel ward

Der bleibende Eindruck von meiner Fahrt nach Kamaishi und Umgebung am zweiten November-Wochenende war, dass im Vergleich zur Fahrt nur zwei Wochen vorher am Ende Oktober plötzlich und spürbar die Stimmung der Menschen dort umschlägt und nun viel von Trauer und Schmerz sowie der Angst vor Depression und Vereinsamung gesprochen wird. Vielleicht liegt es daran, dass jahreszeitenbedingt die Nächte länger werden und die Menschen in Dunkelheit hüllen.

Hier einige persönliche Bemerkungen zu unseren „Themen“.

1. Kirchen:

Ich habe nach meiner Ankunft am Donnerstag in der Shinsei-Kirche übernachtet und ein langes Gespräch bis in die späte Nacht mit Pfarrer Yanagiya und seinem Bruder dort geführt. Das Eis ist gebrochen, sie wünschen eigentlich eine regelmäßige und möglichst langfristige Präsenz von uns, damit wir bessere Gelegenheit haben, an die etwas introvertierten Menschen in Tohoku ran zu kommen. Ich versuchte zu erklären, dass zu häufige Fahrten z.B. meinerseits uns Schwierigkeiten durch zu hohe indirekte Kosten bereiten könnten – und wurde vehement korrigiert, dass solche Reisen gar nicht als Verwaltungsaufwand aufgefasst werden dürften, sondern ein direkter seelsorgerischer Dienst von uns seien. Ich kann das spontan nachvollziehen, denn die Zahl der Helfer hat stark abgenommen und ein regelmäßiges Flaggezeigen und Eingehen auf die Menschen, auch ohne entsprechende Ausbildung, trifft nach meiner Erfahrung von nun fünf Fahrten auf viel Freude und Dankbarkeit. Mich grüßen mittlerweile mir nur ganz flüchtig bekannte Menschen auf der Straße und sagen Dank, dass die deutsche Kirche sich fortlaufend engagiert. In der Shinsei Kamaishi-Kirche selbst waren den ganzen Oktober keine Freiwilligen, so dass das Zelt auf dem Kirchenvorplatz, welches Gesprächsstation für alle Vorbeigehenden war, mangels Personal abgebaut werden musste. Seit Anfang November gibt es allerdings wieder einigen Zulauf.

Die Idee, der Kirche ein/zwei Fischerboot/e und/oder Motor zu stiften, die dann an Fischer in Kamaishi ausgeliehen werden können und durch Rückführung eines Anteils vom Fang den Neuaufbau der Kirche mitfinanzieren soll, wurde enthusiastisch aufgenommen. Ich habe am Sonntag nochmal mit dem Bruder gesprochen, er wird eruieren, was genau von Nutzen sein wird. Ebenfalls haben wir uns Sonntag geeinigt, dass wir von jetzt an eine Stelle zur Koordination der Freiwilligenarbeit (Details sind herauszuarbeiten) finanzieren wollen.

Der Kirche in Ofunato haben wir ebenfalls einen Besuch abgestattet, der aber noch nicht weit über ein erstes Hallo hinausging. Die Kirche selbst ist unbeschädigt, die Gemeinde aber in Geldnot, da Gemeindemitglieder nicht mehr wie zuvor durch Spenden unterstützen können. Pfarrer Muraya ist erst seit nach dem Beben dort, hat also auch noch keinen kompletten Einblick in die Nöte und Sorgen dort. Vielleicht lässt sich etwas mit dem Community Projekt (siehe unten) koordinieren.

2. Musik:

Am Donnerstag habe ich einer Gesangprobe der Erwachsenen für Beethovens Neunte beigewohnt, am Freitag eine Chorprobe der Mittelschüler geleitet (Schwerpunkt Aussprache). Das klingt alles schon sehr ordentlich! (Wird am Tag der Aufführung aber vielleicht komplett Bruch machen, denn nunmehr bin ich eingeladen, im Chor mitzusingen. Ich habe mich nach Kräften gewehrt, mein Japanisch hat aber nicht gereicht…)

Das Beethoven-Kommittee hat dankbar unser Angebot für finanzielle Hilfe angenommen, weiß aber noch nicht, in welcher Höhe rote Zahlen auf sie zukommen, und bittet uns um Geduld. Ich habe erklärt, dass wir auch nach der Aufführung ins Gespräch kommen können. Das fände ich persönlich sogar sehr sinnvoll: wir haben dieses Jahr mit Chorprobe tatkräftig geholfen, als nächsten Schritt helfen wir bei Begleichung von Rückständen und sichern so das Überleben und die Möglichkeit weiterer Aufführungen in den kommenden Jahren.

Meine Frau Kumiko, die am Freitag dazu kam, ist konzertreif ausgebildete Pianistin und hat an drei Orten musiziert: ausführlich im „Salon Yamazaki” bei Frau Inoue, dann kurz jeweils im Osanago-Kindergarten und der Shinsei-Kirche. Der bleibende Eindruck davon war, dass spontanes Musizieren nur für die gerade Anwesenden und ohne Druck, einen Ort vorzubereiten und ein Publikum zu werben, eine große Freude bereiten. Schauen Sie sich mal Frau Hakoyama, Leiterin des Osanago-Kindergartens, an. Rührung, Andacht, Freude, Dankbarkeit:

Film

Pfarrer Yanagiya kullerte beim gleichen Stück eine Träne über die Wange, da war ich nicht abgebrüht genug, um zu filmen oder fotografieren.

3. Kinder:

Die angebotene Grippe-Impfung wird nur durchwachsen angenommen. Laut Ärzteverband in Kamaishi sind genügend Dosierungen dieses Jahr für Tohoko reserviert worden (das erklärt vielleicht die Knappheit in Tokio). Der Kamaishi-Hort und der Hikari-Kindergarten in Miyako möchten unser Angebot annehmen, arbeiten aber noch an der Zahl der Impfungen und dem Termin. Der Osanago- und Midori-Kindergarten in Otsuchi haben fürs erste dankend abgewunken, weil Unicef dort die Impfungen subventioniert.

4. Meer:

Siehe oben Shinsei-Kirche.

Bei Stadtrat Goda habe ich Herrn Saito aus Kawasaki kennengelernt, ein Fischereiexperte, der auch das Agrar-Forst-Fischereiministerium berät. Ich werde mich in nächster Zeit einmal in Ruhe treffen, er arbeitet mit den Verwaltungen vor Ort und hat das persönliche Ziel, beim Wiederaufbau der Fischereiindustrie gleichzeitig die bisherigen mafiösen Strukturen aufzubrechen und einer jungen Generation den Weg zu ebnen. Ich kann noch nicht einschätzen, was und wieviel da dran ist, verspricht aber ein interessantes Gespräch zu werden.

5. Ofunato:

Das Gelände für das geplante Community Cafe haben wir uns angesehen und mit dem Koordinator vor Ort gesprochen. Ich habe viel kreative Energie und echte Hilfsbereitschaft gespürt, aber sie stecken noch in den Kinderschuhen. Ich werde das aufbereiten und dem Verband Deutsch-Japanischer Gesellschaften antragen.

6. Laut gedacht:

Die Lage stellt sich mir so dar, dass erste, existentielle Bedürfnisse gedeckt sind. Jetzt beginnt die Trauerarbeit, und viele sprechen von zunehmenden Depressionen. Unser Fokus für die kommenden Monate sollte auf seelsorgerischer Hilfe liegen, durch Unterstützung von Initiativen wie der in Ofunato, durch musikalische Veranstaltungen – das wird vor Ort immer wieder angesprochen -, denen wir nach Möglichkeit ein Element des Mitwirkens vom Publikum geben sollten, durch kontinuierliche und verstärkte Präsenz vor Ort und Gesten wie spontanem Musizieren, Singen aus unserem Gesangbuch nach dem Gottesdienst und anderen Freundschaftsbekundungen. Und wir sollten den Hinweis von Pfarrer Yanagiya mit Sorgfalt diskutieren, ob unsere Tätigkeit und Fahrten nach Iwate nicht vielleicht tatsächlich als direkte Verwendung von Spenden für seelsorgerische Unterstützung klassifiziert werden können.

Hier einige Zitate, die ich in Kamaishi aufgeschnappt habe:

„Im Notlager hatten wir keinerlei Privatsphäre, teilten aber ein Schicksal und konnten mit den Menschen um uns herum glücklich sein, überlebt zu haben. In den Behelfshäusern gibt es jetzt wieder Privatsphäre, dafür sitzt aber jeder für sich alleine mit seinem Schmerz.” (Prof. Yamazaki)

„Die Trauer ist so schnell vorausgeprescht, dass die Tränen anfangs gar nicht hinterher kamen.“ Prof. Yamazaki konnte erst einen Monat nach dem Beben zum ersten Mal weinen, davor war er von den Erfahrungen überwältigt. Auf dem kurzen Weg vom Notlager im Tempel zu den Ruinen seines Hauses hat er 66 Leichen gezählt, und sich nicht getraut, fest aufzutreten, weil ihm klar war, dass viele mehr im Schlamm unter ihm steckten. Die Blockade wurde gelöst, als eine Geigerin aus Morioka den Tempel besuchte und unangekündigt Tango spielte. In einer lokalen Zeitschrift ist ein Bild von ihm, wie er spontan und wie in Trance dazu tanzt. In der Nacht hat er dann geweint.

„Mit dem Schutt war es schöner.“ Pfarrer Yanagiya wünscht sich natürlich nicht wirklich Schutt und Schlamm wieder auf die Straßen, sondern beklagt, dass der Zusammenhalt der ersten Tage, Wochen und Monate rapide verloren geht. Mir selbst fiel auf, dass freie Flächen vor der Kirche nun wieder als Parkplätze für Apotheken zum benachbarten Krankenhaus reserviert sind. Solidarität wird durch Eigentumsdenken ersetzt.
Jesper Weber

Mittwoch, 2. November 2011

Traumberuf: Saftladen

Die vierjährige Rena besucht den Midori-Kindergarten in Otsuchi (Präfektur Iwate) an der japanischen Pazifikküste. Am 11. März wurde sie mit allen anderen noch nicht abgeholten Kindern nach dem Beben im Kindergartenbus auf die nächste Anhöhe gefahren und in das dortige Gymnasium gerettet.

Der Kindergarten wurde wenige Minuten später von einer über fünf Meter hohen Welle überspült und schwer beschädigt. Die Häuser in der Nachbarschaft sind nach der Explosion von Propangasflaschen abgebrannt, wovon der Kindergarten aber wie durch ein Wunder verschont blieb und nun alleine auf freier Fläche steht. Der Schutt ist seit Sommer weggeräumt, nur noch die Betonfundamente der Nachbarhäuser sind zu sehen.

Die Kinder werden seit April wieder in einem Ausweichquartier betreut, dem Gästehaus des Gymnasiums, das ihnen bis Ende des Jahres zur Verfügung steht. Dort wurde am letzten Oktoberwochenende die jährliche „Kunstausstellung” der Kindergartenkinder gezeigt. Jedes Kind hatte aus Knetmasse eine Puppe von sich selbst gebastelt und ein Blumenbild gemalt. In der Mitte des Raums steht ein „Wunschbaum“, an den Kinder und Eltern ihre Bitten heften konnten. Neben Durchhalteparolen vieler Eltern, Wünschen, nach Disneyland zu fahren oder Fußballprofi zu werden, hängt Renas Zettel: „Ich will einen Saftladen machen.“

Bis da ist es noch ein wenig hin. Erstmal muss der Kindergarten umziehen, aus dem jetzigen Provisorium in das nächste. Geplant ist, auf einem nahegelegenen Feld einen Fertigbau zu errichten. Der Landbesitzer hat schon zugestimmt, jetzt muss die Präfektur das Agrargrundstück als Gewerbegrundstück freigeben, damit die Stadt die Baugenehmigung erteilen kann.

Die Schulturnhalle war bis Ende August die Wohnung für Rena und ihre Eltern, dann konnten sie in ein Behelfshaus umziehen, standardisierte Wohncontainer mit ein bis drei Zimmern, Küche und Nasszelle.

Eikoh Sasaki leitet den Midori-Kindergarten und war bis August Renas Matratzennachbar in der Turnhalle, jetzt ist auch er in einem Behelfshaus untergebracht. „Am liebsten würde ich gleich wieder am alten Ort aufbauen, denn das Gebäude ist weniger stark strukturell beschädigt als ich befürchtet hatte. Die Wände sind futsch, aber die tragenden Pfeiler sind noch brauchbar. Aber die Stadt will sich erst Ende des Jahres zu einem Wiederbebauungsplan äußern, das kommt zu spät für uns.“ Ob das ein endgültiger Plan wird oder nur erste Richtlinien bekannt gemacht werden, darauf hat sich die Verwaltung auch Ende Oktober noch nicht festgelegt.

Die Gegend ist zudem noch nicht wieder gegen Flut und Tsunami abgesichert, die Dammanlagen konnten noch nicht repariert werden. Daher würden die Eltern keinesfalls zustimmen, ihre Kinder am alten Ort in Betreuung zu geben. Die Kinder selbst beginnen allerdings, ihr Trauma zu überwinden, sie klammern sich nicht mehr wie noch vor einigen Monaten bei jedem Erdstoß verängstigt an die Erzieher. Aber, so berichten Eikoh Sasaki und auch die Leiter des ebenfalls überfluteten Osanago-Kindergartens in Otsuchi und des Horts im benachbarten Kamaishi, sie hören auch bei schwachen Nachbeben sofort mit dem Spielen auf und schauen auf die Erwachsenen, ob sie aus dem Gebäude flüchten sollen.

Und auch falls die Stadt das Gebiet zur Wiederbebauung freigeben und den Schutzwall wieder errichten sollte, auf Eikoh Sasaki kommen enorme Belastungen zu: „Mit jedem Voranschlag steigen die Kosten. Zuerst sollte die Reparatur des Gebäudes 60 Millionen Yen (knapp 60.000 Euro) kosten, jetzt liegen wir bei 80 Millionen Yen. Ein Abriss und Neubau käme auf über 130 Millionen Yen. Die Hälfte von Renovierung oder Neubau würde vom Staat subventioniert, den Rest muss ich selbst zahlen, für die Innenausstattung gibt es überhaupt keine Zuschüsse.”

Das Gebäude ist zweigeschossig. Weil die Welle über fünf Meter hoch war, hat ein von der Präfektur bestellter Experte mittlerweile gefordert, in diesem Gebiet mindestens dreigeschossig zu bauen, damit man auch innerhalb des Gebäudes vor einem Tsunami flüchten kann. Das würde für den Midori-Kindergarten einen kompletten Neubau bedeuten. In Otsuchi wie in allen vom Tsunami verwüsteten Städten schnellen außerdem die Kosten für Materialien und die Löhne für Zimmermänner in die Höhe, weil die Nachfrage das Angebot übersteigt. Das wird sich noch verschärfen, wenn der Wiederaufbau in Gang kommt. Was weiterhin angesichts des Ausmaßes der Zerstörung eigentlich die Vorstellungskraft übersteigt.

Dabei gab es ähnlich hohe Tsunami und Verwüstung auch nach Beben in den Jahren 1896 und 1933, es wird also der dritte Wiederaufbau in 120 Jahren. Für die benachbarte Stadt Kamaishi sogar der vierte, 1945 war die Stadt durch alliierten Marinebeschuss, der auf die dortigen Stahlwerke zielte, komplett dem Erdboden gleichgemacht.

In Kamaishi hat die Verwaltung überlebt – in Otsuchi waren der Bürgermeister und sein Vize dem Tsunami zum Opfer gefallen – und ist daher ein Stück weiter in der Planung. Der Tsunami-Wall in der Hafenmündung, ehemals der weltweit größte, soll für 500 Millionen Euro wieder aufgebaut und von sechs auf acht Meter aufgestockt werden. In vielen Ortschaften wird kontrovers diskutiert, ob die Schutzwälle nicht eigentlich Schuld an vielen Todesfällen trügen, weil sie die Opfer in falscher Sicherheit gewogen hätten. Die Mehrheit vertritt die Ansicht, dass die Mauern zwar nicht gehalten haben, bei niedrigeren Tsunami aber jedenfalls effektiv seien und auch im März die Wassermassen einige wertvolle Minuten aufhalten konnten. Damit blieb mehr Zeit zur Flucht über oftmals weite Strecken von der Küste bis zum nächstgelegenen Hang, und viele Leben konnten gerettet werden.

In Kamaishi ist mittlerweile die Idee als unrealistisch verworfen worden, eine Bergkuppe zu schleifen und damit ebene Fläche neu zu schaffen. Also gibt es keine Alternative zur Wiederbesiedlung des Hafengebiets. Mittlerweile wird recht konkret darüber nachgedacht, Baugenehmigungen in Gebieten, die zwei Meter oder mehr unter Wasser standen, nur für Stahlbetonstrukturen zu erteilen, bei der zusätzlichen Auflage, im Erdgeschoss keine Wohnräume einzurichten.

Schnelle Entscheidungen und schnelle Umsetzung sind unverzichtbar. Kamaishi hatte vor dem Beben 40.000 Einwohner, von denen 1.000 umgekommen und weitere 1.000 abgewandert sind. Von den verbliebenen 38.000 leben 2.800, also über sieben Prozent, seit Mitte August in provisorischen Containerhäusern, die auf ebenen Flächen weitab von Infrastruktur wie Schulen, Supermärkten und Krankenhäusern aufgestellt wurden. Die Nutzung ist aus Fairnessgründen auf maximal zwei Jahre beschränkt, die gleiche Frist, für die Flüchtlingen in städtischen bzw. privaten Wohnungen die Miete erlassen bzw. erstattet wird. Und die Container sind schlecht isoliert, sie waren im Sommer zu heiß und werden im Winter zu kalt, darüber hinaus sind sie nicht mit Stauraum ausgestattet. Rena in Otsuchi hat ihre Spielsachen und Kleidung immer noch in Umzugskartons, weil es keine Regale gibt.

Ähnlich geht es Prof. Masayuki Yamazaki in Kamaishi, dem Flötenlehrer, der am 11. Dezember zum fünften Mal in Folge Beethovens Neunte dirigieren wird. Sein Haus und der nahegelegene Lederwarenladen seiner Frau, in dem das Ehepaar zum Zeitpunkt des Bebens war und sich erst nach wiederholten Zurufen ihres Sohns zur Flucht anstelle von Aufräumen entschloss, so dass sie nur zwei Minuten Vorsprung vor der Welle hatten, wurden zerstört. Sie sind auch jetzt noch auf Kleiderspenden angewiesen, und pendeln von ihrem Containerhaus an einem Ende der Stadt zu dem wiedereröffneten Laden in einem Containerdorf am anderen Ende. Mit einigen gespendeten Instrumenten gibt er wieder Unterricht und Konzerte. Sein Lieblingsinstrument hat er verloren: „Wir haben lange in den Trümmern gesucht und schließlich den Kasten gefunden. Der war verschlossen aber leer. Wahrscheinlich hat jemand meine Flöte geklaut, denn die war aus 40-karätigem Gold.”

Die Neunte wird wie jedes Jahr am zweiten Sonntag im Dezember aufgeführt, diesmal nicht in der überschwemmten Stadthalle, sondern in einer Turnhalle. Wie jedes Jahr wird ein 70-köpfiges Orchester aus Tokio eingeladen, aus Kamaishi kommt der Chor, 120 Erwachsene und 180 Mittelschüler, das 35. Jahr in Reihe. Es hatte viele Hilfsangebote aus Japan und aller Welt, auch aus Deutschland, gegeben. Beispielsweise hatte sich Yutaka Sado, der diesen Mai in der Berliner Philharmonie sein Dirigentendebut gab, angeboten, die Aufführung zu leiten. Alle Angebote wurden mit viel Dankbarkeit aufgenommen, aber schließlich sämtlich abgelehnt. Das Veranstaltungskommittee hat nach langem Nachdenken beschlossen, dass es wichtig für die Stadt sei, die Aufführung in eigener Regie zustande zu bringen, um keine Lücken in der Organisation zu reissen, die dann vielleicht in den kommenden Jahren nicht aus eigener Kraft gestopft werden können.

Bilder sind hier:
https://picasaweb.google.com/104350831750832252132/IwateOktober2011#


Jesper Weber

Dienstag, 25. Oktober 2011

Friede, Freude, Eierkuchen ...

Ich setzte mich heute, sieben Monate und vierzehn Tage seit dem Erdbeben, nach dem Frühstück in Morgenrock und Filzpantoffeln auf meine Chaiselongue, eine Tasse Kaffee auf dem Beistelltisch, hätte mir gerne die Meerschaumpfeife angesteckt, aber ich besitze keine. Also entschied ich, mich statt Tobak mit der Tageszeitung zu entspannen.

Der Frieden währte bis Seite Drei, da berichtet die Nachrichtenagentur Kyodo: “Erhöhter Damm verhinderte Katastrophe in Ibaraki Atomkraftwerk”.

Ibaraki ist die Präfektur an der Pazifikküste südlich von Fukushima, in anderen Worten: eins näher dran an Tokio. Von meiner Haustür ist es 130 Kilometer entfernt, bis zum havarierten AKW in Fukushima sind es 255 Kilometer. Der Artikel interessierte mich also.

Kurz zusammengefasst, ganz genau wie in Fukushima waren die Annahmen zur maximalen Höhe eines Tsunami für das AKW in Ibaraki blauäugig niedrig. Man ging von nicht mehr als 4,86 Metern aus und hatte dafür einen Damm von 4,90 Metern Höhe errichtet. Wohl gemerkt, ganze vier Zentimeter! Die Regierung in der Präfektur hatte nochmal nachgerechnet und im Oktober 2007 herausgefunden, dass Tsunami in der näheren Umgebung des AKW durchaus sechs bis sieben Meter hoch werden könnten. Der Betreiber, Japan Atomic Power (nicht TEPCO), begann daher freiwillig, den Damm auf 6,1 Meter aufzustocken, um die Diesel-Notstromaggregate für die Seewasserkühlpumpen zu schützen.

Der Tsunami am 11. März erreichte 5,3 bis 5,4 Meter, war also tatsächlich höher als der ursprüngliche Damm. Wie in Fukushima Eins wurde die externe Stromversorgung für das AKW unterbrochen, zwei der drei Pumpen konnten aber durch Generatoren weiter betrieben werden, so dass der Reaktor kontrolliert heruntergefahren werden konnte. Sonst hätte es hier durchaus zwei Atomkatastrophen geben können. Ich habe starke Zweifel, dass sich das hätte unter Kontrolle bringen lassen. Schon Fukushima hat die Selbstverteidigungsstreitkräfte und die Feuerwehren, ganz zu schweigen von der Politik, enorm überstrapaziert.

TEPCO hatte übrigens 2006 selbst herausgefunden, dass die interne Einschätzung von 2002, ein 5,7 Meter hoher Tsunami sei zu befürchten, zu optimistisch waren. 2008 kamen sie dann zu dem Ergebnis, dass die Welle über zehn Meter hoch werden könnte (es wurden über 15). Kurz vor dem Beben, am 7. März 2011, berichteten sie darüber an die “National Industrial Safety Agency”. Schritt für Schritt brauchten sie also zwei oder drei Jahre, konkrete Maßnahmen wurden allerdings keine getroffen. Der Rest ist bekannt. Und dabei war eigentlich seit Generationen bekannt, dass die Erdbeben 1896 und 1933 an der Pazifikküste zu über zehn Meter hohen Tsunami geführt hatten, mir ist völlig schleierhaft, worauf TEPCO’s ursprüngliche Berechnungen beruhten (eigentlich ist es mir total klar: auf Profitgier).

Zur Strahlenproblematik hat sich eine mir völlig unverständliche Nonchalance eingeschlichen. Anfang des Monats wurden in Tokio und Umgebung an einigen isolierten Stellen stark erhöhte Strahlenwerte gemessen. Zuerst war das Anlass zu geringfügiger Panik in den Nachrichten, aber schon nach einem Tag wurde Entwarnung gegeben, die Strahlung sei durch Radium verursacht, aus dem AKW in Fukushima war aber nur Jod und Caesium ausgetreten, von dort könne es also nicht sein. Einen weiteren Tag später folgte die Erklärung, es seien lippenstift-große Flakons unter einem Haus an der Stelle in Tokio gefunden worden (ältere Holzhäuser stehen hier oft auf Stelzen), die Flüssigkeit darin würde untersucht, sei aber eindeutig Ursache der erhöhten Werte.

Na dann. Friede, Freude, Eierkuchen.

Bin ich der Einzige hier, der sich noch fragt, weshalb radioaktive Substanzen unter einem Einfamilienhaus aufgefunden werden? Ist das nur für mich noch Anlass zu Sorge anstatt der sich allgemein breitmachenden Erleichterung? Und war der Fund der Flakons in Tokio eine ausreichende Erklärung für die zuvor in Yokohama und später in Chiba gemessenen stark erhöhten Werte, über die in den Nachrichten dann nicht mehr aufgeklärt wurde?

Die Arbeiten in Fukushima gehen zwar bisher schneller als zugesagt voran, aber auch das ist vielleicht mehr Glück und Zufall zuzuschreiben. Ich drücke die Daumen.

Jesper Weber

Dienstag, 11. Oktober 2011

Polinahe in Kamaishi

Unsere Hawaiiband heißt POLINAHE - das bedeutet: "sweet and mellow music" - und besteht aus Jimmy Miranda mit der Ukulele, John Torio am Bass und Olaf Eckhoff mit der Gitarre. Jimmy kommt aus Big Island, Hawaii, lebt in Osaka und ist Lehrer an einer Oberschule. John ist Japaner, Manager, hat lange in Hawaii gelebt. Seine Frau Miwako ist Hulalehrerin. Miwako, John und ich fuhren am Samstag nach Kamaishi, Jimmy ist direkt von Osaka nach Hanamaki geflogen. Am Samstag haben wir in Kamaishi im Kamaishi Hoikuen gespielt und Miwako hat dazu Hula getanzt. Dem Publikum, darunter auch der Lokalpolitiker Herr Goda, hat unsere Musik und der Hulatanz von Miwako sichtlich Spass gemacht, und viele der Zuhörer haben sich nach dem Konzert bei uns herzlich bedankt; man konnte wirklich spüren, dass die Abwechslung gut getan hat.


In Kamaishi waren wir bei Frau Inoue zu Gast, und wir haben einen sehr netten Abend mit dem Ehepaar Goda bei von Frau Inoue zubereiteten japanischen Speisen verbracht. Am nächsten Morgen auf der Fahrt nach Miyako konnten sich Jimmy, John und Miwako ein eigenes Bild von der Verwüstung durch den Tsunami machen. Wir haben einen kurzen Stopp bei der ASIA SYMPHONY gemacht, dem 6000-Tonnen-Frachter, der immer noch auf dem Kai auf dem Trockenen lag. Die Bilder von diesem Frachter, der sich mit der Nase durch die Kaimauer gebohrt hat und kurz vor einem Haus stehen geblieben ist, gingen ja um die Welt. Gerade letzte Woche las ich in der Japan Times (Foto: JT online), dass sie das Schiff nun endlich wieder ins Meer gehoben haben.


Obwohl im Vergleich zu meiner Reise Anfang Mai die Aufräumarbeiten des "Gareki" sehr weit vorangeschritten sind (es stinkt auch nicht mehr!), ist es traurig zu sehen, dass dort, wo früher Menschen wohnten jetzt nur freie unbewohnte Fläche ist - eine Wüstenlandschaft der ganz anderen Art.
In der Miyako-Kirche, in der alle Sitzplätze besetzt waren, gaben wir unser zweites Konzert. Wieder waren die Zuhörer/-schauer sichtlich gerührt und begeistert von unserer Musik. Das steht auch im Bericht der Lokalzeitung, der von unserer Veranstaltung berichtet.



Nach dem Konzert ging es mit dem Mietwagen voll Gepäck und Instrumenten nach Morioka, und von dort mit dem Shinkansen nach Tokyo zurück. Es war eine anstrengende, aber durchaus lohnende Reise. Wir wollten mit unserer Musik ein wenig hawaiianischen Sonnenschein und Unbekümmertheit in den Alltag der Bewohner dort bringen.
In Miyako, vor der Miyako-Kirche, entstand auch das Foto von dem neuen Kindergartenbus für den Hikari Yochien mit Pfarrer Moriwake. Der Kindergartenbus wurde von den Spendengeldern aus Bremen finanziert, um den alten Kindergartenbus, der beim Tsunami auf dem Gelände der Kirche stand und völlig überflutet und unbrauchbar war, zu ersetzen.
Aloha,
Olaf

Dienstag, 20. September 2011

Phönix in der Asche

Die Pazifikküste führt von Tokio Richtung Nordosten durch die Präfekturen Chiba und Iwate nach Fukushima.

Ein halbes Jahr nach dem 11. März endet hier für die Mehrheit der Japaner die Katastrophe. Der Mehrfach-GAU im Atomkraftwerk Fukushima Eins ist allen täglich präsent und beeinflusst zum Beispiel unsere Kaufentscheidungen im Supermarkt. Wo wurde der Reis angebaut? Noch letztes Jahr oder schon dieses geerntet? Wo wurden die Rinder gezüchtet? Wo wurde das Obst geerntet und wo die Fische gefangen?

Nördlich von Fukushima ist die Präfektur Miyagi, vor welcher das Epizentrum des Bebens lag, dann kommt Iwate. Beide sind aufgrund der fjordähnlichen Küstenlinien besonders stark vom Tsunami geschädigt worden. Das ist zwar keinesfalls ins Vergessen geraten, rückt aber zunehmend in den Hinterkopf und wird immer später in den Nachrichten erwähnt, aktuell verdrängt von einer neuen Katastrophe, zwei Taifunen, die im September über 100 Todesopfer und Vermisste gefordert und starke Zerstörungen angerichtet haben.

Dabei hat neben Beben und Tsunami auch die Krise im Atomkraftwerk greifbare Auswirkungen auf die beschädigten Städte nördlich von Fukushima. Die beiden industriellen Standbeine bisher waren Tourismus und Fischerei. Beide sind in die Knie gegangen. Die jeweiligen Infrastrukturen wurden weggespült, Hotels, Bahnlinien und Fähren existieren nicht mehr, die zuvor wunderschönen Küstenstreifen sind abgesunken oder vom Wasser weggerissen, die Städte oft bis auf die Fundamente abgeschliffen worden. Fischereihäfen und Boote wurden ebenfalls zerstört. In einem kleinen Hafen in einer Bucht neben der Stadt Kamaishi in Iwate gibt es jetzt wieder sieben Boote. Vor der Welle landeten dort über 300 an. Der Hafen eine Bucht weiter hat immer noch kein einziges Boot, alle wurden weggeschwemmt und keines wurde bisher ersetzt. Aber auch wenn die Fischer herausführen, könnten sie weiterhin nichts anlanden, weil die Hafenanlagen zerstört sind. Bisher stiegen sie vom Kai herab in ihre Boote, jetzt müssten sie vom Kai in die Boote hochklettern. Der Grund ist bis zu einem Meter im Beben abgesunken und wird regelmäßig bei Flut überschwemmt. Und auch wenn sie einen Fang anlanden könnten, wäre dieser im Supermarkt so gut wie unverkäuflich, weil Verbraucher sämtliche Lebensmittel aus den nordöstlichen Präfekturen aus Angst vor Strahlenbelastung konsequent vermeiden. Dafür können die Fischer nun zum ersten Mal in ihrem Leben das Meer von ihren Häusern sehen. Der Zypressen- und Zedernwald, der zwischen Dorf und Küste mit 25 Metern Höhe die Sicht versperrte, ist bis auf eine einzelne Zypresse kurz über den Wurzeln abgeknickt und weggespült worden. Der verbleibende Baum hat bis auf 18 Meter keine Äste mehr, so hoch kam das Wasser.

Die gleichen Ängste halten Touristen aus Japan und dem Ausland auch davon ab, Urlaub im Nordosten zu machen. Nur die Herbergen gleich landeinwärts sind ausgebucht mit Freiwilligen, die für einige Tage zum Helfen anreisen. Auch das sind aber spürbar weniger als in den Monaten gleich nach dem Beben.

Am 30. August wurde die letzte Notunterkunft in Iwate geräumt, eine Turnhalle in Yamadamachi, etwas nördlich von Kamaishi. Die über 50.000 Obdachlosen in der Präfektur, die zeitweise in den beinahe 300 Notunterkünften gewohnt hatten, sind kurz vor dem Halbjahrestag entweder in Häuserprovisorien mit dem Charme eines Frachtcontainers oder bei Verwandten untergekommen. Die Selbstverteidigungskräfte wurden mittlerweile aus allen Präfekturen bis auf Fukushima abgezogen. Weitere Räumarbeiten müssen die Verwaltungen vor Ort nun mit privaten Firmen arrangieren. Auch die zur Hilfe gerufenen Polizeikontingente aus ganz Japan sind zum Großteil abgerückt, in Iwate haben über die Hälfte der Einsatzfahrzeuge wieder ein lokales Kennzeichen.

In Städten wie Kamaishi sind das Sperrholz und die meisten Autowracks weggeschafft worden. Im überschwemmten Hafengebiet stehen noch die Rahmen von Betonbauten, ihre Fenster und Türen sind eingedrückt worden und klaffen wie Zahnlücken. Wo Holzhäuser standen, gibt es jetzt reichlich Parkplätze. Erst die Hälfte der Ampelanlagen funktioniert wieder. Bis auf vereinzelte Reparaturen an Straßen, Wasser-, Strom- und Gasleitungen, und wichtigen Gebäuden wie Krankenhäusern ist von Bauarbeiten im alten Stadtzentrum noch nichts zu sehen.

Noch haben die Verwaltungen keine Planung für den Wiederaufbau vorgelegt. In Kamaishi soll das bis Ende September geschehen. Diskutiert werden unter anderem ein neuer Damm von Wellenbrechern am Eingang der Bucht, die Verlagerung wichtiger Funktionen auf höheres Land und Landgewinnung hoch über dem Meeresspiegel durch Abtragung eines Berges bei gleichzeitiger Nutzung der Erdmassen, um das Plateau zu vergrößern. Im benachbarten Otsuchi, das großflächig überspült wurde und dann durch explodierende Propangasflaschen abgebrannt ist, konnte die Stadtverwaltung erst im August wieder neu gebildet werden. Ein Wiederaufbauplan ist noch nicht abzusehen.

Die Hauseigentümer stehen vor einem Dilemma. Beschädigte Häuser dürfen in eigener Regie repariert werden, aber für den Wiederaufbau zerstörter Häuser wird eine Baugenehmigung benötigt. Die kann nur erteilt werden, wenn das Gebiet für wiederbebaubar erklärt wurde, was bei den überfluteten Gegenden noch in Frage steht. Und solange das Gebiet nicht für bebaubar erklärt wird, ist der Grundstückswert gleich Null, so dass auch ein Abriss der noch stehenden Strukturen wirtschaftlich nicht sinnvoll wäre. Also passiert bis auf Aufräumarbeiten erstmal garnichts. Phönix steckt in der Asche fest.

Und dennoch geht das Leben weiter und neue Zentren entstehen. So werden zum Beispiel neben den einstöckigen Provisoriumssiedlungen zweistöckige provisorische Einkaufstraßen errichtet. In einer von diesen hat das Ehepaar Yamazaki am 13. September einen Lederwarenladen eröffnet. Es gibt Restaurants und Cafes, zwei Frisöre und einige Lebensmittelläden.

Der Ehemann Professor Yamazaki ist eigentlich Flötenlehrer und dirigiert seit vielen Jahren Beethovens Neunte Symphonie in Kamaishi und wird auch dieses Jahr bei der 34. Aufführung wieder am Pult stehen. Im Lederwarenladen steht ein Klavier, er möchte hier einen Salon einrichten, in dem Konzerte und Kultur angeboten werden. Flötenunterricht hält er momentan im Haus einer Bekannten, in dem auch ein von der Gei-Dai Kunsthochschule Tokio gespendeter Flügel steht. Hier finden regelmäßig Hauskonzerte statt, um in verschiedene Provisoriumssiedlungen verstreute Freunde zusammenzubringen und das Auseinanderbrechen der Gemeinschaft zu verhindern.

In Otsuchi liegt der Midori-Kindergarten. Dort ist die Situation noch ernster, die Stadtverwaltung fiel dem Tsunami zum Opfer. Bürgermeister und Vizebürgermeister fanden den Tod, ein neuer Bürgermeister wurde erst im August gewählt. Die Ämter rappeln sich nun langsam aus ihrer Lähmung auf. Der Kindergarten wurde, kurz nachdem alle Kinder und Angestellten sich in ein Gymnasium auf einer Anhöhe retten konnten, vier Meter hoch bis zum ersten Obergeschoss überspült. Alle Häuser in der Nachbarschaft sind komplett zerstört worden. Weil der Kindergarten erst vor fünf Jahren erbaut wurde, sind über 80 Prozent des Kredits noch nicht abbezahlt. Seit April nimmt er Ausweichquartier im Gästehaus des Gymnasiums, wo auf engstem Raum 50 Kinder betreut werden. Bis zum Ende des Jahres müssen sie dort ausziehen.

Um zusätzliche Kreditbelastung zu vermeiden, würden sie bevorzugt am alten Ort wieder aufbauen, trotz der Angst vor neuen Tsunami und den psychologischen Schwierigkeiten, die die Gegend mit sich bringt. Eine Freigabe oder sogar Baugenehmigung sind aber in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Also sucht Eikoh Sasaki, der Leiter des Kindergartens, nach Alternativen. Von einem Bauern wurde ihm ein Reisfeld als Grundstück angeboten, dass nur seicht überflutet wurde. Dort könnte er als Fertighaus recht schnell einen neuen Kindergarten aufbauen. Aber es gibt massive Hindernisse. Die Stadtverwaltung ist gegen die Umwandlung von landwirtschaftlichen Flächen in Gewerbegebiet, hat da aber nicht das Sagen, denn die Entscheidung liegt bei der Präfektur, die wohl einlenken wird. Danach muss die Baugenehmigung beantragt werden. Auflagen dafür werden ein festes Fundament und eine Entwässerungspumpe sein, weil das Grundstück unter Meeresspiegel liegt. Voraussetzung ist, dass in einem überfluteten Gebiet überhaupt eine Baugenehmigung erteilt wird, denn das schafft einen Präzedenzfall.

Wenn ein Neustart möglich wird, werden bis zur Hälfte der Kosten durch Subventionen gedeckt, die Obergrenze liegt bei dem Wert des zerstörten Eigentums. Andersherum heißt das, dass der Kindergarten eine Belastung von 150 Prozent hat: 100 Prozent des ursprünglichen Darlehens und 50 Prozent der Wiederaufbaukosten. Wobei nur Baukosten subventioniert werden, die Ausstattung ist nicht gedeckt. Herr Sasaki schätzt die auf ihn zukommenden Kosten auf ungefähr 35 Millionen Yen zusätzlich zur bestehenden Kredittilgung. Das sind knapp 350.000 Euro, die er ohne eigenes Zutun in der Kreide stehen wird. Gleichzeitig sind seine Einnahmen deutlich reduziert. Statt der 80 Kinder, die vor dem Beben betreut wurden, kommen nur noch 50. Kindergartengebühren kann er mittlerweile nehmen. Eltern, die nicht vom Beben betroffen waren, zahlen selbst, für betroffene Eltern springt die Stadt ein. Aber die Kosten für den Kindergartenbus, der die Kinder in fünf Touren täglich fast 200 Kilometer aus den nunmehr oftmals weit entfernten Wohnungen abholt und sie auch wieder zurück bringt, würden nicht von der Stadt erstattet, so dass sie aus Gründen der Fairness auch nicht eingefordert werden können. Betroffene Eltern könnten nicht zahlen, und die nicht betroffenen Eltern müssten aus Kostengründen zu näher gelegenen Einrichtungen abwandern. Also fehlen monatlich über 400.000 Yen in der Kasse für Benzin- und Unterhaltskosten, ungefähr 4.000 Euro.

Er sucht nach Spendern, denn wenn der Kindergarten Pleite geht, stehen nicht nur er, sondern auch viele Kinder auf der Straße. Einer Straße, an der keine Häuser mehr stehen.

Jesper Weber
Fotos finden Sie hier...

Donnerstag, 14. Juli 2011

Tohoku im Juli

Fliegen, Fliegen, Fliegen, überall Fliegen. Nach Ende der Regenzeit und mit Beginn des Hochsommers mit Temparaturen über 30 Grad wimmelt es von unzähligen Fruchtfliegen, fetten Brummern von über einem Zentimeter Länge, und allem dazwischen, weitaus mehr als je zuvor beobachtet. Dabei riecht es gar nicht nach dem, was Fliegen bekanntlich so anziehend finden.

Die Hilfsgüterlieferungen sind verteilt und der tägliche Bedarf ist weitgehend gedeckt, woran es jetzt fehlt, sind ausreichend Fliegenfänger und -klatschen.

Am 11. Juli läuten die Sirenen keine Schweigeminute ein, um vier Monate nach dem Beben und Tsunami zu markieren. Stattdessen gibt es zur Mittagszeit ein kräftiges Nachbeben mit Intensität 4 auf der bis 7 reichenden japanischen Skala. Wie auch schon am Morgen vom 10. Juli. Und dann wieder am frühen Abend vom 12. Juli. Und vor Tagesanbruch am 13. Juli.

Von Normalität kann also noch keinesfalls die Rede sein, aber vieles ist geschafft worden.
Viele provisorische Häuser sind aufgebaut und werden nun bezogen, die Turnhallen leeren sich langsam. Ein Notlager in Otsuchi, in dem über 300 Menschen Unterkunft gefunden hatten, hält nur noch 60, andere sind bereits aufgelöst. Die Qualität der Wohneinheiten schwankt allerdings beträchtlich. Einige wenige wurden von Zimmermännern errichtet, wirken solide und sind fugendicht. Ein Großteil aber sieht aus wie umfunktionierte Frachtcontainer, in die Fenster gebrochen wurden. Die Bewohner solcher Einheiten beklagen, dass trotz der standardgemäß eingebauten Klimaanlagen die dünnen Metallwände die Hitze von außen so stark nach innen leiten, dass man sich nur in der exakten Mitte des Raums aufhalten könne. Schlafen ist nur für wenige Stunden möglich, wenn es sich nachts abgekühlt hat, und bevor die Sonne wieder aufgeht.

In den Notlagern wurden durch die Selbstverteidigungskräfte und Freiwillige täglich drei Mahlzeiten kostenlos verteilt. In den Containerstädten müssen die Menschen sich selbst verpflegen, und auch wieder für Strom, Wasser und Gas bezahlen. Viele dieser Städte wurden weit ab vom Schuss errichtet, weil zentral nicht genug bebaubare Fläche zur Verfügung stand. Das führt zu langen Wegen zum Einkaufen, zu den Ämtern, zur Schule und zum Arbeitsplatz für die, die Beschäftigung finden konnten. Viele stehen weiterhin ohne regelmäßiges Einkommen da. Die Zahlungen von Hilfsgeldern erfolgt stockend, weil die Verwaltungen noch nicht normal funktionieren – in Städten wie Otsuchi wurde das Rathaus weggespült, die Leiche des Bürgermeisters ist erst vor einer Woche in einem Haufen von Fischmüll aufgefunden worden, so dass die Einwohner dort für sämtliche Behördengänge über zehn Kilometer ins benachbarte Kamaishi fahren müssen – und mit den Aufgaben weiterhin überlastet sind.

Die Wohneinheiten werden generell auf zwei Jahre befristet zur Verfügung gestellt und dann wieder abgebaut. Wo, wann und wie die zerstörten Ortschaften endgültig wieder aufgebaut werden, ist noch überhaupt nicht geklärt. Viele Kommunen kämpfen nicht nur mit der Zerstörung von Häusern und Infrastruktur, sondern sind auch in der Einwohnerzahl durch Todesfälle und Abwanderung dezimiert worden.

Die Entscheidungsgewalt beim Festlegen von Bebauungszonen liegt bei der nationalen Regierung. Viele der überschwemmten Gebiete werden als zu gefährlich eingestuft und nicht mehr besiedelt werden dürfen. Ausweichflächen in Küstennähe sind jedoch spärlich. Für den Neubau eines zerstörten Hauses wird die benötigte Baugenehmigung also nicht erteilt. Nur teilweise beschädigte Häuser dürfen aber repariert werden, stehen dann allerdings in einer Wüstenei ohne ausreichende Verkehrsanbindung.


Im Bahnhof von Tohno, der Kreisstadt 50 Kilometer im Landesinneren der Präfektur Iwate, hängt eine Tafel mit dem lokalen Liniennetz und den Fahrpreisen. Sie reicht bis zur Hafenstadt Kamaishi. Die folgenden Stationen nach Norden entlang der Küste bis Miyako sind mit weißem Papier überklebt.

Das ist eine bedrückend realistische Wiedergabe der Situation vor Ort, wo viele Bahnhöfe und über Kilometer die Gleise einfach weggespült wurden und nun ein weißer Fleck auf der Landkarte sind. Der Wiederaufbau ist aus Kosten- und Sicherheitsgründen schwer vorstellbar, und ohne ein funktionierendes Verkehrsnetz steht auch die Wiederbesiedelung in Frage.

Dennoch wird nach Kräften geräumt, deutlich weniger Schutt und Autowracks als noch vor zwei Monaten sind zu sehen. Je nach Wucht des Tsunami an den einzelnen Orten enstehen so entweder Geisterstädte mit Hausruinen on Wänden oder weite Flächen, auf denen nur noch Betonfundament und Grundriss der zerstörten Gebäude erkennbar sind. Um den Hort Kamaishi herum sind die Straßen wieder frei, der Schutt im Garten wurde beseitigt. Aber in den Räumen steht der Schlamm seit März und ein umgekipptes Gitterbett ist immer noch da, wo das Wasser es vor vier Monaten abgestellt hatte.

Und dann gibt es immer wieder Stellen, die aussehen, als hätte der Tsunami erst gestern zugeschlagen. Der 20.000 BRT Frachter „Asia Symphony“, der in Kamaishi vom Tsunami auf den Pier gespült und damit oft benutztes Motiv in der Weltpresse wurde, thront weiterhin unbewegt an seinem Platz, die Nase vom Kiel hat die Hafenmauer durchbrochen und verengt die Straße auf eine Spur. Von der Regierung war zwar Weisung ergangen, das Schiff bis Ende Juni zu beseitigen, aber weder die Reederei in Panama noch andere Stellen haben reagiert.

Sämtliche Fischereihäfen in der Präfektur sind zerstört, so dass nichts angelandet werden kann. Es kann aber auch nichts gefangen werden, weil die Boote verloren, die Netze weggespült, die Flöße zur Muschelzucht nicht mehr brauchbar sind.

Beim Anbau von Wakame-Seetang werden mindestens zwei Jahre benötigt, bis geerntet werden kann. Der Tsunami im März schlug kurz vor der Erntezeit zu. Ebenso lange braucht die Zucht von Austern und Hotate-Muscheln. Die Saat kann nur zu einer bestimmten Jahreszeit erfolgen, wenn bis dahin keine Boote, Gerätschaften und Hafenanlagen da sind, ist ein Jahr verloren. Weil spezielle Boote benötigt werden, für die es keinen Gebrauchtmarkt gibt und die beim Neukauf langfristig vorbestellt werden müssen, richten die Fischer in Kamaishi sich auf eine Durststrecke von mindestens vier Jahren ein. Neue Boote werden vorerst für die Genossenschaft gekauft und für die nächsten fünf Jahre in Rotation einzelnen oder Gruppen von Fischern zur Verfügung gestellt. Schon jetzt zeichnen sich Konflikte innerhalb der Genossenschaften zur gerechten Zuteilung ab.

Die Sorge um die Entwicklung der nächsten Jahre dominiert auch das Gespräch in Hort und Kindergärten. Die Grundversorgung funktioniert, was gerade akut fehlt, wird bescheiden als eine Unbequemlichkeit dargestellt, beispielsweise das betagte Ersatzfahrzeug vom kirchlichen Hikaru-Kindergarten in Miyako bis der durch Wasser einen Totalschaden erlittene Bus ersetzt werden kann. Der Ersatzbus ist ein Uraltgefährt mit Plastiksitzen und ohne Kühlung für den Passagierraum, der jederzeit den Geist aufgeben kann und bei der Hochsommerhitze nicht kindertauglich ist. In Tokio wäre das unvorstellbar, in Miyako geduldet man sich.

Unter der Oberfläche sind die Wunden jedoch noch lange nicht verheilt. Die Kinder spielen immer noch "Wer-hat-Angst-vorm-Tsunami" und sind durch die starken Beben der letzten Tage sichtbar verängstigt. Eine Erzieherin im Osanago-Kindergarten in Otsuchi erzählt spontan noch einmal, wie sie mit den noch anwesenden 17 Kindern, die beim Beben gerade auf den Bus warteten, auf den Berg flüchteten und von dort zusahen, wie das Wasser Autos und Häuser verschluckte. Wie sie frierend dem Schneefall trotzten und schließlich von Nachbarn ins Haus gebeten wurden, wo nur noch Platz zum Stehen war. Wie sie nachts um 23.30 Uhr, nachdem die Flut sich zurückgezogen hatte, vom Berg steigen mussten, weil das Feuer sich den Hang entlang auf sie zu fraß. Wie sie die Kinder über Schutt und Schlamm ins Notaufnahmelager brachten und dort drei Tage betreute. Wie sie bei den Aufräumarbeiten im Garten vier Leichen und im Schlamm viele abgerissene Körperteile fanden. Wie man auch jetzt noch durch die abgebrannten Bäume auf dem Berg 50 Meter vorm Tor täglich an das Feuer erinnert würde.

Alles Schlimme der Katastrophe und ihrer Folgen kumuliert im Schicksal des Midori-Kindergartens in Otsuchi, nahe an der Küste auf Meeresspiegelhöhe gelegen.
Der Leiter Eikoh Sasaki erklärt, dass in der Evakuierungsanleitung festgelegt war, dass die Kindergartenbusse bei Tsunamiwarnung auf eine Anhöhe fliehen sollten, falls gerade Kinder transportiert wurden, andererseits aber sofort zum Kindergarten zurückkommen und bei der Evakuierung dort helfen sollten. Designierter Fluchtpunkt war ein 200 Meter entfernt auf einer Anhöhe gelegenes Gymnasium. Da beide Busse gerade auf Leerfahrt waren, kamen sie zurück und konnten alle Kinder rechtzeitig in Sicherheit bringen. Das Wasser stieg vier Meter hoch bis zur Hälfte des ersten Obergeschosses, aber das Gebäude ist stehen geblieben, strukturell jedoch nicht mehr benutzbar. Explodierende Propangasflaschen haben weitflächige Brände entfacht, die Namenstafel am Außentor ist verkohlt.

Mit den Kindergartenkindern wurden sie in der Turnhalle aufgenommen, die auch Unterkunft für die Schüler und viele Bürger der Stadt waren. Die Temperaturen fielen unter den Gefrierpunkt, es gab nur drei kleine Kerosinöfen zum Heizen. Also wurden die Kleinkinder zu zweit oder zu dritt in Wolldecken gewickelt, um sich gegenseitig zu wärmen. Für Grundschüler und ältere reichten die Decken nicht, so dass sie sich mit Zeitungspapier und Vorhängen behelfen mussten. Die Schule war tagelang von der Außenwelt abgeschlossen, einige Eltern schafften es aber, sie zu Fuss über die Berge zu erreichen, weil sie wussten, dass ihre Kinder dorthin geflüchtet sein müssen. Die Straße in den Ort war nicht begehbar, schließlich fuhren sie einen Kindergartenbus über Felder und Berge ins Landesinnere und stellten eine Funkverbindung zu dem verbliebenen Bus her, um so Details ihrer Notlage an die Helfer zu übermitteln.

All das kann er nur unter Tränen berichten. Was er mit keinem Wort erwähnt, ist die Tatsache, dass seine Eltern weiterhin vermisst werden. Er ist mit 45 Jahren unverheiratet und muss den Wiederaufbau und die Trauerarbeit alleine stemmen.

Herr Sasaki lebt weiterhin in der Turnhalle des Gymnasiums, hat aber einen Hauscontainer in Aussicht. Der Kindergarten hat am 17. April als Ausweichquartier ein Nebengebäude der Schule bezogen. Von vorher über 70 Kindern kommen jetzt 48. Mit vier Erzieherinnen spielen und schlafen sie in einem Raum von circa 40 Quadratmetern, der von einem Ventilator gekühlt wird.

Das Grundstück des Kinderladens ist wertlos geworden. Das Gebäude war erst fünf Jahre alt und ist noch mit einem Darlehen belastet. Beim Wiederaufbau wird der Staat 50 Prozent subventionieren, die restlichen 50 Prozent sind Eigenleistung. So ergibt sich eine 1,5-fache Belastung für Gebäudekosten bei stark reduzierten Einnahmen. Denn von den Eltern der 48 Kinder kann er keine Gebühren fordern. Moralisch schafft er das nicht, weil er weiß, dass sie zum Großteil in der gleichen Turnhalle schlafen wie er und alles verloren haben. Praktisch geht es nicht, weil die Eltern nicht zahlungskräftig sind. Ihre Kinder müssen sie aber über Tag abgeben, um auf Arbeitssuche zu gehen und Amtsgänge machen zu können. Deshalb wird der Kindergarten dieses Jahr ohne Sommerpause offen bleiben.

Die Erzieherinnen bezahlt er weiter, rückwirkend ab Juni will er versuchen, von einem Teil der Eltern Gebühren zu erbitten. Der Monatssatz beläuft sich auf 12.000 Yen pro Kind plus Gebühren für den Bus, also mindestens 100 Euro pro Monat.

Im benachbarten Kamaishi werden die Gebühren für Hort und Kindergarten für ein Jahr von der Stadt übernommen. In Otsuchi funktioniert die Verwaltung nicht, so dass die Gebührenübernahme nur für öffentliche Tagesstätten angeboten wurde. Der Midori-Kindergarten ist privat geleitet.

Im Oktober werden normalerweise Neuzugänge geworben. Herr Sasaki sieht einen klaren Wettbewerbsnachteil gegenüber öffentlichen Einrichtungen und den Tagesstätten in Kamaishi. Dass zumindest auch die öffentlichen Kindergärten in Otsuchi noch keinen einzigen Yen von der Verwaltung ausbezahlt bekommen haben, ist für ihn kein Trost.

Bericht: Jesper Weber
Bilder finden Sie hier in der Galerie.

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